Themenforen/Forschungswerkstätten (C)

11. September 2026, 10:45–12:15 Uhr

C21. Themenforum Politik & Planung: Interessenvertretung zwischen Alibi und aktiver Einbeziehung?

Interessenvertretung zwischen Alibi und aktiver Einbeziehung? – Partizipation an systematischen Planungsprozessen zur Umsetzung der UN-BRK in Kommunen | Matthias Kempf, Lena Bertelmann, Malin Butschkau

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesrepublik Deutschland gilt auch für deren kommunale Gebietskörperschaften eine völkerrechtliche sowie nationalrechtliche Umsetzungspflicht (DIMR 2024). Im Projekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘ wurden in weniger als der Hälfte der untersuchten Gebietskörperschaften systematische Planungsaktivitäten ausgemacht (Bertelmann et al. 2024, S. 8), mit denen eine langfristige, strukturierte Umsetzung der Konvention forciert wird. Der Umsetzungsanspruch der UN-BRK beinhaltet nach Art. 4 Abs. 3 UN-BRK auch, dass Menschen mit Behinderungen „über die sie vertretenden Organisationen“ beteiligt werden sollen – und zwar in Form von Konsultationen und durch aktive Einbeziehung.

Dieser Beitrag bearbeitet die Fragestellung, welche Formen der Partizipation von Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderung sich in kommunalen Planungsprozessen finden und inwiefern diese dem o. g. Anspruch auf Beteiligung gerecht werden.

Dafür werden empirische Ergebnisse des Forschungsprojektes ‚UN-BRK kommunal‘ vorgestellt, die mit den Methoden einer Internetrecherche, mit qualitativen Einzelinterviews mit Planungsverantwortlichen und beteiligten Selbstvertreter*innen sowie Fokusgruppen mit beteiligten Selbstvertreter*innen erarbeitet wurden.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Beteiligung von Menschen mit Behinderungen vielfältig ausgestaltet ist und dass dabei die aktive Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen häufig deutlich hinter Beteiligungsformen der Konsultation zurückbleibt. (Bertelmann et al. 2025, S. 58 ff.). Solche Divergenzen zu den Maßgaben der UN-BRK sollen in der Diskussion sowohl vor dem demokratisch institutionalisierten Rahmen der kommunalen Ebene als auch vor dem Hintergrund der von Selbstvertreter*innen geäußerten Ansprüche, bspw. einer organisierten Partizipationsstruktur (Kempf et al. 2025, S. 32), aufgegriffen werden.

Literatur
Bertelmann, Lena; Butschkau, Malin; Kempf, Matthias & Rohrmann, Albrecht  (2024). Die Verbreitung systematischer Planungsaktivitäten zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen. Erster Zwischenbericht zum Forschungsprojekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘ (04/2024). Siegen

Bertelmann, Lena; Butschkau, Malin; Kempf, Matthias & Rohrmann, Albrecht (2025). Vertiefende Untersuchungen von systematischen Planungsaktivitäten zur Umsetzung der UN-BRK in Kommunen. Zweiter Zwischenbericht zum Forschungsprojekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘, Siegen.

DIMR – Deutsches Institut für Menschenrechte (2024): „UN-BRK kommunal“ Zur Wirkung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen.

Kempf, Matthias; Rohrmann, Albrecht; Althaus, Luzie (2025). Auswertung der Fokusgruppengespräche. Dritter Bericht zum Forschungsprojekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘, Siegen.

Die Evaluation des Teilhabeplans der Stadt Leipzig als praxisnahes Fallbeispiel | Patrick Frankenbach, Marie Schliesser

Der vorgeschlagene Beitrag ergänzt bzw. vertieft das Forschungsprojekt „UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen“ durch ein praxisnahes Fallbeispiel. Er liefert Erkenntnisse dazu, auf welche Herausforderungen kommunale Verwaltungen bei derUmsetzung menschenrechtlicher Verpflichtungen treffen und welche Handlungsspielräume in der kommunalen Teilhabeplanung einer deutschen Großstadt bestehen.

Seit 2025 bis zum Sommer 2026 wird der Teilhabeplan (2017-2024) der Stadt Leipzig im
Auftrag der Stadt durch Prognos evaluiert. Der Plan beschreibt, wie die Teilhabe von Menschen
mit Behinderungen am Leben in der Stadtgesellschaft verbessert und die Stadt schrittweise
inklusiver gestaltet werden soll.

Ziel der Evaluation ist es, die konzeptionelle Eignung des Plans selbst, die Qualität der Strukturen und Prozesse rund um den Teilhabeplan sowie den Umsetzungsfortschritt der Maßnahmen zu bewerten und Vorschläge für seine Fortschreibung zu entwickeln. Die Befunde werden anhand eines auf die kommunale Ebene angepassten Referenzrahmens eingeordnet und beurteilt.

Methodisch kommen eine Analyse vorliegender Daten und Dokumente, Fallstudien,
Experteninterviews und Fokusgruppengespräche mit Akteuren der Stadtverwaltung und der
Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen zum Einsatz. Außerdem beteiligt sich Prognos an der Konzeption einer inklusiven Partizipationsveranstaltung vor Ort.

Zwischenergebnisse zeigen, dass der Leipziger Teilhabeplan einerseits zwar klar strukturiert ist
und sich vielfach an der UN-BRK orientiert, andererseits jedoch Lücken bei Themenabdeckung
und konkreter Zieldefinition aufweist, was die Überprüfung erschwert. Des Weiteren wurden eine geringe Partizipation in der Umsetzung sowie Defizite beim verwaltungsinternen Austausch und bei der Verbindlichkeit der Steuerung festgestellt. Die finalen Ergebnisse werden zum Zeitpunkt des Teilhabekongresses vorliegen und können im Kontext der Ergebnisse des „UN-BRK kommunal“-Projektes diskutiert werden.

Teilhabe gestalten: Von der Gremienarbeit zu transdisziplinären Kooperationen zwischen Forschung und Praxis am Beispiel von Nordrhein-Westfalen | Julia Fischer-Suhr, Oliver Totter

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik Deutschland zu einer menschenrechtlichen Orientierung in der Sozialpolitik bekannt und zur Initiierung von teilhabefördernden sozialpolitischen Prozessen verpflichtet. Die Aushandlung, Steuerung und Implementierung dieser Prozesse erfolgen zum Teil auf Landesebene (z. B. die Implementierung des Bundesteilhabegesetzes). Diese Prozesse weisen Schnitstellen zur kommunalen Ebene auf und können mitelbar oder unmitelbar Auswirkungen auf die Gestaltung von Teilhabechancen von Menschen mit Behinderung haben. Die Beteiligung von Menschen mit Behinderung und ihrer Verbände an diesen Aushandlungsprozessen ist in landesweiten Räten und Gremien teils gesetzlich verankert und in den jeweiligen Geschäftsordnungen geregelt (u.a. Gemeinsame Kommission NRW, 2019). Die Vortragenden sind als Vertreter:innen der Selbsthilfe und Interessenverbände in vielfältigen landesweiten Gremien in Nordrhein-Westfalen aktiv. Anknüpfend an das Verständnis von Teilhabe als Leitbegriff sozialpolitischer Handlungsfelder ist es Ziel des Vortrages, Einblicke in die aktuellen landesweiten (sozialpolitischen) Aushandlungssituationen von Teilhabechancen von Menschen mit Behinderung in NRW zu geben (Landesbehindertenrat NRW, 2025) und Impulse für transdisziplinäre Lern- und Kooperationsprozesse zwischen Teilhabeforschung und Praxis der Interessenvertretung zu formulieren. Zunächst erfolgt eine Darstellung des Bereichs und der dort behandelten Inhalte der landesweiten Gremienarbeit sowie eine Analyse der Beteiligungsmöglichkeiten der Vertretungen der Menschen mit Behinderung auf Basis des Stufenmodells der Partizipation nach Wright (2007). Aufbauend auf diesen Erläuterungen gehen die Vortragenden der Frage nach, welche Themen und (Forschungs-)Fragen Teilhabeforschung und (sozialpolitische) Implementierungspraxis aktuell miteinander teilen. Zuletzt begründen die Vortragenden die Notwendigkeit, Teilhabeforschung als anwendungsorientierte Wissenschaft zu denken (Barthelheimer et al, 2022, 30), und geben Impulse für eine transdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Mitgestaltung eines teilhabefördernden Gemeinwesens.

Quellenangaben:
Barthelheimer, P., Behrisch B., Daßler H., Dobslaw G., Henke J., Schäfers M. (2022). Teilhabe – Versuch einer Begriffsbestimmung. In Wansing, E., Schäffers M., Köbsell, S. (Hrsg.), Teilhabeforschung. Konturen eines neuen Forschungsfeldes (S. 13 – 34). Berlin/Heidelberg: Springer

Gemeinsame Kommission SGB IX (2019): Landesrahmenvertrag nach § 131 SGB IX Nordrhein-Westfalen (abrufbar unter: htps://lrv-sgbix.lvr.de/de/gemeinsame_kommission_sgb_ix__vertragskommission_/gemeinsame_kommission_sgb_ix__vertragskommission_1.html (Stand:08.02.26)

Landesbehindertenrat NRW (2025): Stellungnahme der Verbände der Selbsthilfe und Interessenvertretungen NRW zur aktuellen Situation zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in NRW. Abrufbar unter: htps://www.lvkm-nrw.de/wp-content/uploads/2025/09/Kurzfassung-Stellungnahme-und-Beschluss-der-Selbsthilfe-und-Interessevertretungen-zur-aktuellen-Umsetzung-BTHG_final.pdf (Stand: 08.02.26)

Wright, M. T., Block, M., & von Unger, H. (2007). Stufen der Partizipation in der Gesundheitsförderung. InfoDienst für Gesundheitsförderung.

C22. Themenforum Arbeit: Berufliche Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Teilhabe an Arbeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen
Empirische Einblicke anhand von drei Forschungsprojekten

Eine demokratisch orientierte Gesellschaft, so Honneth, ist gut daran getan, „Arbeitsbedingungen zu schaffen, die allen – bezahlt oder unbezahlt – Beschäftigten die aktive Mitwirkung an der öffentlichen Willensbildung ermöglichen.“ (Honneth, 2023, S. 289) Auf Grundlage einer historischen Rekonstruktion wird vermerkt, dass durch unterschiedliche Verrechtlichungen der „strukturellen Benachteiligung […] von Menschen mit Behinderungen […] im wachsenden Maße ein Riegel vorgeschoben [wird].“ (ebd., S. 217) Der Artikel 27 der UN-BRK ist hier als eine Verrechtlichung zu nennen, über welche Arbeit zum juristischen Anspruch von Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen wird, auch für solche mit psychischen Erkrankungen. Sozialstaatliche Hilfen werden demnach dann arrangiert, wenn ökonomische, zeitliche, psychologische, soziale oder mentale Faktoren der Arbeit(-stätigkeit) (vgl. Honneth, 2023, S. 93–107; Bartelheimer et al., 2020, S. 50 ff.) einen Schwellenwert unterschreiten, welcher für eine demokratische Teilhabe notwendig ist. Die Eingliederungshilfe sowie die berufliche Rehabilitation haben sich als zwei sozialstaatlich arrangierte Bereiche etabliert, welche im Falle einer bedrohten Selbstbestimmung und Teilhabe dieser entgegenzuwirken versuchen.
An diesem normativen Vorhaben, der Förderung der „Selbstbestimmung und ihrer vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ (SGB IX) im Kontext des Artikels 27 der UN-BRK durch Angebote der beruflichen Rehabilitation sowie der Eingliederungshilfe setzt dieses Panel empirisch an. Hierfür werden Ergebnisse aus drei Forschungsprojekten in insgesamt drei Einzelbeiträgen referiert.

In einem ersten Beitrag werden Forschungsergebnisse vorgestellt, welche den Übergang von jung psychisch erkrankten Menschen von der Jugendhilfe in die Eingliederungshilfe analysiert. Die Forschungsergebnisse geben einen Einblick in die Herausforderungen, welche sich den Jugendlichen aufgrund dieser Transition stellen. In einem zweiten Beitrag werden Teilergebnisse aus einem Promotionsprojekt vorgestellt. Das zentrale Ergebnis ist, dass Adressat:innen der gemeindepsychiatrischen Eingliederungshilfe ihre biografischen Krisen des Arbeitens mithilfe der Angebote der Eingliederungshilfe in einer vertikalen Struktur bearbeiten. In einem dritten Beitrag werden Ergebnisse aus dem NEKOBERE-Forschungsprojekt vorgestellt. Gegenstand dieses Projektes waren die Netzwerk sowohl der Professionellen als auch der Adressat:innen. Eine zentrale Erkenntnis der Studie war die sehr gute interne Kooperation innerhalb der Institutionen der beruflichen Rehabilitation bei gleichzeitig eher losen Netzwerkverbindungen in das Sozial- und Gesundheitswesen hinein. Diese drei Projekt werden im weiteren Verlauf näher erläutert.

Literaturangaben
Bartelheimer, P., Behrisch, B., Daßler, H., Dobslaw, G., Henke, J., & Schäfers, M. (2020). Teilhabe – eine Begriffsbestimmung. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-30610-6

Honneth, A. (2023). Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit (1. Auflage). Suhrkamp.

1. Arbeit als Ressource und Risiko im Care Transfer: Bedarfslagen junger Menschen mit psychischen Erkrankungen und Konsequenzen für das Angebot „Sprungbrett“ | Anneke Wiese, Isabel Steigleder, Matthias Nauerth

Für junge Menschen, die stationäre Hilfen zur Erziehung (nach SGB VIII) erhalten und zudem psychisch erkrankt sind, stellt der Wechsel in das neue Unterstützungssystem der Eingliederungshilfe (nach SGB IX) eine große Herausforderung dar und führt oftmals zu Krisen (vgl. Döge u.a. 2016; Straus/Höfer 2017; Salzburger u.a. 2018). Das am Stiftungsbereich Sozialpsychiatrie des Rauhen Hauses in Hamburg neu realisierte Angebot „Sprungbrett“ zielt darauf ab, diesen Übergang über begleitete Arbeits- und Beschäftigungsangebote zu unterstützen. Der Beitrag stellt Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bedarfslagen junger Menschen mit psychischen Erkrankungen im Care Transfer“ vor, das diesen Übergang im Kontext des Angebots untersucht.
An der Evangelischen Hochschule Hamburg wurde in Bezug auf dieses Angebot ein Forschungsprojekt realisiert, das zwei zentrale Ziele verfolgte:
(1) Die Bedarfe und Bewältigungsformen der jungen Menschen im Care Transfer aus ihrer eigenen Perspektive heraus empirisch rekonstruieren und
(2) zu prüfen, inwieweit das Angebot Sprungbrett diese Bedarfe aufgreift und welche Weiterentwicklungsbedarfe aus Sicht der Nutzer*innen bestehen.

Hierfür wurden im Rahmen einer Forschungswerkstatt des Masterstudiengangs Soziale Arbeit 12 leitfadengestützte Interviews (vgl. Helfferich 2011) mit Jugendlichen geführt, die in einer Wohngruppe für „Intensiv Sozialtherapeutische Hilfen“ (ISH) der Stiftung Rauhes Haus leben und sich im Care Transfer befinden. Die erhobenen Daten wurden qualitativ-rekonstruktiv (in Anlehnung an das Grounded Theory Verfahren, vgl. Strauss/Corbin 1996) ausgewertet.
Die Ergebnisse zeigen differenzierte Bedarfslagen u. a. in Bezug auf Strukturierung des Alltags, psychosoziale Stabilisierung, Unterstützung im Umgang mit institutionellen Anforderungen sowie Anerkennung und Selbstwert. Zudem konnte eine Typenbildung der Bewältigung des Übergangs rekonstruiert werden, die unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen von Arbeit sichtbar macht. Arbeit erweist sich dabei als ambivalente Teilhabedimension: Sie kann Stabilität, Sinn und Zugehörigkeit fördern, zugleich jedoch Krisen verstärken, wenn Anforderungen und Unterstützungsformen nicht passgenau sind.

Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, liefern aber qualifizierte Hinweise für ein tieferes Verständnis der Situation dieser Personengruppe und für die Bedeutung von Arbeits- und Beschäftigungsangeboten im Rahmen von Eingliederungshilfeleistungen.

Literaturangaben
Döge, Georg; Henniger, Sabine; Keicher, Rolf; Maier, Martin; Ratzke, Katharina; Steimle; Hans; Wessel, Theo (2016): Junge Menschen (18-27 Jahre) zwischen den Hilfesystemen – psychisch krank, suchtkrank, wohnungslos. Vorschläge zu einer umfassenden Unterstützung, Begleitung und Behandlung dieser Personengruppe. Diakonie Texte 2.2016, Berlin, Eigenverlag

Helfferich, Cornelia (2011) Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Springer, Wiesbaden.

Salzburger, Veronika; Strobel-Dümer, Claudia; Kaufmann, Carolin (2018). … und was kommt nach der stationären Unterbringung? Wie Care-Leaver ihre Zukunft einschätzen. In: Neue Praxis, Nr. 6, 503-524

Straus, Florian; Höfer, Renate (2017): Handlungsbefähigung und Zugehörigkeit junger Menschen, SOS Kinderdorf, München, Eigenverlag

Strauss, Anselm L.; Corbin, Juliet M. (1996) Grounded theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Belitz Verlag

2. Zur Vertikalen Bearbeitung biografischer Krisen des Arbeitens Erkenntnisse aus einem subjektorientierten Forschungsprojekt zu Verläufen Adressat:innen der gemeindepsychiatrischen Eingliederungshilfe | Moritz Tebbe

Der Beitrag zeigt auf Grundlage eines fortgeschrittenen Promotionsprojektes, wie Adressat:innen der Gemeindepsychiatrie ihre subjektiven biografischen Krisen des Arbeitens mithilfe von Angeboten der Eingliederungshilfe bearbeiten. Im Rahmen des Promotionsprojekts wurden Adressat:innen (n=12) gemeindepsychiatrischer Dienstleistungsangebote über leitfadengestützte, episodische Interviews befragt (vgl. Flick, 2011; Helfferich, 2009). Die Konstruktion einer Vertikalen wurde im methodischen Rahmen der konstruktivistischen Grounded Theory (vgl. Charmaz, 2006, 2011) rekonstruiert und im Sinne einer „complementary combination“ (Chicchi, 2000, S. 6) um eine biografieanalytische (vgl. Rosenthal, 2015) sowie eine positionierungsanalytische (vgl. Lucius-Hoene & Deppermann, 2002, 2004) Ebene ergänzt.

Die Prämisse des Teilhabebegriffs, dass „Teilhabe ein subjektorientiertes Konzept die Erklärung gesellschaftlicher Zusammenhänge“ (Bartelheimer et al., 2020, S. 44) ist, wurde in dieser Forschungsarbeit durch einen kritischen Adressat:innenbegriff der Sozialen Arbeit (vgl. Bitzan & Bolay, 2013, S. 35–52) vertieft. Die zentrale empirische Erkenntnis dieser Forschungsarbeit ist, dass gemeindepsychiatrische Adressat:innen ihre erlebten Krisen des Arbeitens (vgl. Gehres 2025, S. 143-166) mithilfe der Gemeindepsychiatrie stufenförmig bearbeiten. Aus der Perspektive der Adressat:innen wurden die von der Eingliederungshilfe organisierten Angebote des Arbeitens in einer vertikalen Institutionalisierung rekonstruiert:

Diese Teilergebnisse der Promotionsstudie werden in den Diskurs um die Personenzentrierung eingewoben. Während Personenzentrierung die Diversität anerkennen sowie „ihre gesellschaftliche Teilhabe mit individuell passenden Leistungen“ (Schäfers, 2014, S. 318) fördern soll, kann anhand der Vertikalen eine standardisierte Institutionalisierung des Arbeitens als „Regelwerk“ (ebd., S. 329) der Eingliederungshilfe verdeutlicht werden.

Moritz Tebbe Sozialarbeiter /-pädagoge (M.A),
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAW Hamburg Fakultät SuK; Doktorand an der Universität Münster, Arbeitstitel: „Vertikalisierung biografischer Krisen. Verläufe ambulant-gemeindepsychiatrischer Adressat:innen“.
Kontaktadresse: moritz.tebbe@haw-hamburg.de

Literaturangaben
Bartelheimer, P., Behrisch, B., Daßler, H., Dobslaw, G., Henke, J., & Schäfers, M. (2020). Teilhabe – eine Begriffsbestimmung. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-30610-6

Bitzan, M., & Bolay, E. (2013). Konturen eines kritischen Adressatenbegriffs. In G. Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency (S. 35–52). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19007-5_1

Chicchi, F. (2000). Grounded Theory and the Biographical Approach: An Attempt at an Integrated Heuristic Strategy. International Review of Sociology, 10(1), 5–23. https://doi.org/10.1080/713673994

Flick, U. (2011). Das Episodische Interview. In G. Oelerich & H.-U. Otto (Hrsg.), Empirische Forschung und Soziale Arbeit: Ein Studienbuch (S. 273–280). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92708-4_17

Gehres, W. (2015). Der Doppelcharakter biografischer Krisen: Zentrale Konzepte und heuristische Implikationen. Sozialer Sinn, 16(2), 143–166. https://doi.org/10.1515/sosi-2015-0203

Helfferich, C. (2009). Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. (3. Auflage). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92076-4_2

Lucius-Hoene, G., & Deppermann, A. (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-663-11291-4

Lucius-Hoene, G., & Deppermann, A. (2004). Narrative Identität und Positionierung. Gesprächsforschung. Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion, 5, 166–183.

Rosenthal, G. (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (5. Auflage). Beltz Juventa.

Schäfers, M. (2014). „Personenzentrierung“ als sozialpolitische Programmformel im Zeichen der Inklusion: Zu den Widersprüchlichkeiten einer Neuausrichtung des Hilfesystems für Menschen mit Behinderungen. Soziale Probleme, 25(2), 317–338.

3. Netzwerke und Kooperationen in der beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen | Dieter Röh

Die berufliche Rehabilitation organisiert sich über Netzwerke von Leistungsträgern, Leistungserbringern, Betrieben und den sozialen Beziehungen der Fachkräfte, die als formell und informell charakterisiert werden können. Hinzutreten die sozialen Netzwerke der Rehabilitandinnen selbst. Das Sozialleistungsdreieck bietet hierfür den ordnungspolitischen Rahmen (Cremer 2024) und mit dem sozialwissenschaftlichen Konzept des Netzwerks kann die Relationierung der Beteiligten theoretisch verstanden werden (Fuhse 2018; Klärner & von Lippe 2020; von Kardorff 2024). Im Forschungsprojekt wurden Netzwerke von Reha-Fachkräften in den leistungserbringenden Einrichtungen und Diensten, Rehabilitandinnen und Mitarbeiterinnen von Betrieben mittels egozentrierter Netzwerkkarten und problemzentrierten Interviews sowohl quantitativ als auch qualitativ erfasst und inhaltsanalytisch ausgewertet (Kuckartz & Rädiker 2022 unter Einbezug von Herz et al. 2015). Die Netzwerkkarten der an der beruflichen Reha beteiligten Akteurinnen geben einen guten Ein- und Überblick in die gelebten sozialen Beziehungen. Die Netzwerkanalyse weist auf unterschiedliche Konnotationen hin, die für die berufliche Rehabilitation als wichtig erachtet werden: Aus Perspektive der interviewten Rehafachkräfte und der Rehabilitand*innen ist die berufliche Reha in der Öffentlichkeit, bei potenziellen Zuweisern und in Betrieben zu wenig bekannt, um die Potenziale dieses wichtigen Angebots zur (Re-)Integration voll ausschöpfen zu können. Zudem erweist sich die Kooperation mit dem Sozial- und Gesundheitswesen als ausbaufähig, um die Versäulung der Bereiche zu überwinden und eine integrierte, personenzentrierte Rehabilitation zu gewährleisten.

Prof. Dr. Dieter Röh
Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg
Kontaktadresse: dieter.roeh@haw-hamburg.de

Literaturangaben
Abschlussbericht: https://www.haw-hamburg.de/fileadmin/Fakultaet_SuK/PDF/forschung/nekobere_abschlussbericht_kurzfassung.pdf

Cremer G. (2025) Das sozialrechtliche Leistungsdreieck: Eine ordnungspolitische Perspektive. In: Brettschneider, A, Grohs, S, Jehles, N, Hrsg. Handbuch Kommunale Sozialpolitik. 1. Aufl. Wiesbaden: Springer VS; 2024. DOI: 10.1007/978-3-658-38616-0_11-1

Herz A., Peters L., Truschkat I. (2015). How to do Qualitative Structural Analysis: The Qualitative Interpretation of Network Maps and Narrative Interviews. Forum Qualitative Sozialforschung; 16. https://doi.org/10.17169/fqs-16.1.2092

Kardorff E. von (2024). Soziale Netzwerke in der Rehabilitation und im Gesundheitswesen. In: Stegbauer, C, Häußling, R, Hrsg. Handbuch Netzwerkforschung. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS: DOI: 10.1007/978-3-658-37507-2_62-1

Klärner A, von der Lippe H. (2020). Wirkmechanismen in sozialen Netzwerken. In: Klärner A, Gamper M, Keim-Klärner S, et al., Hrsg. Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten. Eine neue Perspektive für die Forschung. Wiesbaden: Springer VS

Kuckartz U., Rädiker S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Grundlagentexte Methoden. 5. Aufl. Weinheim Basel: Beltz Juventa

Röh, D., Werner, S. (2025): Netzwerkarbeit in der beruflichen Rehabilitation. Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt und Praxishinweise. Forum Sozialarbeit + Gesundheit, Heft 3, S. 16-20

C23. Themenforum Arbeit: Erfassung und Verständnis von Bedürfnissen für berufliche Teilhabe

Arbeitsbedingungen inklusiv erfassen: Entwicklung eines Befragungskonzepts zur beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen | Lena Hünefeld, Holger Schütz, Sophie Teborg, Joanna Koßmann, Martin Kleudgen, Jacob Steinwede, Anke Siefer

Hintergrund
Eine fundierte und inklusive Gestaltung von Arbeitsplätzen setzt ein umfassendes Verständnis der tatsächlichen Arbeitssituation unterschiedlicher Beschäftigtengruppen voraus. Befragungsdaten spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie differenzierte Einblicke in Arbeitsbedingungen und deren Entwicklungen über die Zeit ermöglichen. Vor diesem Hintergrund haben die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und das infas-Institut ein Konzept für eine barrierefreie Befragung zur Arbeitssituation von Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt entwickelt.

Methoden
Die Entwicklung des Stichprobenkonzepts orientierte sich am Teilhabesurvey des BMAS und stellt sicher, dass erwerbstätige Menschen mit und ohne Behinderungen adäquat erfasst werden. Für die Fragebogenentwicklung wurden unter anderem etablierte Items aus bestehenden Befragungen zum Thema Arbeit und Inklusion übernommen und durch einen iterativen Prozess mit Expert*innen sowie einem kognitiven Pretest weiterentwickelt.

Ergebnisse
Die Grundgesamtheit umfasst abhängig Beschäftigte und Selbstständige auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das Studiendesign folgt dem Verständnis des ICF und berücksichtigt sowohl amtlich anerkannte als auch selbst eingeschätzte Behinderungen (Maetzel et al., 2021). Der entwickelte Fragebogen umfasst acht thematische Module mit rund 180 Items. Neben allgemeinen Indikatoren zur Arbeitsqualität werden inklusionsspezifische Themen erfasst, darunter Hilfsmittelbedarf, betriebliche Inklusionsstrukturen oder Barrierefreiheit von Weiterbildungen (Schütz et al., 2025).

Schlussfolgerungen
Das Befragungskonzept bietet Anregungen für die Weiterentwicklung einer inklusionsorientierten Datenlandschaft im Kontext der beruflichen Teilhabe. Befragungen, die sich an dem Konzept orientieren, ermöglichen zukünftig belastbare Aussagen zur Arbeitssituation von Menschen mit Behinderungen und bietet damit eine evidenzbasierte Grundlage für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen.

Literatur:
Maetzel J, Heimer A, Braukmann J, Frankenbach P, Ludwig L, Schmutz S (2021) Dritter Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen: TEILHABE – BEEINTRÄCHTIGUNG – BEHINDERUNG. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Bonn. https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/a125-21-teilhabebericht.pdf;jsessionid=2CFA6A6EBCEAEF977C17D62A007C4375.delivery1-
replication?__blob=publicationFile&v=4. Zugegriffen: 14.07.2025

Schütz H, Koßmann J, Steinwede J, Kleudgen M (2025) Förderung der Barrierefreiheit bei der Datenerhebung von Arbeitsbedingungen: Abschlussbericht einer Pilotstudie. baua: Bericht. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft. Dortmund. https://doi.org/10.21934/baua:bericht20250611

Forschung gemeinsam gestalten: Teilhabeorientierte Ermittlung arbeitsbezogener Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen im Projekt „Gemeinsam Perspektiven schaffen (GPS)“ | Caren Keely, Jessica Geuting, Pia Mairhofer

Fragestellung
Das Projekt „Gemeinsam Perspektiven schaffen (GPS)“ geht der Frage nach, wie arbeitsbezogene Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen so erhoben werden können, dass ihre subjektiven Perspektiven für die Gestaltung von Angeboten zur beruflichen Bildung und Arbeit berücksichtigt werden können.

Methode
In einem mehrphasigen, teilhabeorientierten Forschungsdesign arbeiten ein universitäres Team und Praxispartner:innen in Forschungswerkstätten zusammen, um Bedarfslagen theoretisch zu konturieren und in praxisnahe Erhebungsinstrumente zu übersetzen (Mairhofer et al., 2025). Auf Basis dieses Ko-Produktionsprozesses wurden zwölf arbeitsbezogene Bedürfniskategorien mit konkreten Facetten entwickelt, die beschreiben, wie sich Bedürfnisse im Arbeitsalltag von Menschen mit komplexen Behinderungen äußern können (Keeley et al., 2025). Darauf aufbauend entstand ein Gesamtverfahren mit Materialien und Methoden, mit dem gemeinsam mit Menschen mit komplexen Behinderungen deren subjektive Perspektiven auf Arbeit und berufliche Bildung teilhabeorientiert erhoben werden können.

Ergebnisse
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Verbindung wissenschaftlicher und feldbezogener Expertise es ermöglicht, sehr differenzierte Beschreibungen arbeitsbezogener Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen zu erfassen, die in standardisierten Verfahren kaum sichtbar werden. Zugleich wird deutlich, dass Praxisakteur:innen durch ihre Rolle als Co-Forschende einen veränderten, forschenden Blick auf Routinen, Unterstützungsformen und Teilhabestrukturen im Arbeitsalltag entwickeln.

Diskussion
Der Beitrag rekonstruiert den gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprozess und zeigt, wie sich wissenschaftliche und feldbezogene Expertise verschränken: Wissenschaftliche Analyse und Konzeptentwicklung werden systematisch mit dem Erfahrungswissen von Praxisakteur:innen verknüpft. So wird sichtbar, dass die Annäherung an subjektive Perspektiven von Menschen mit komplexen Behinderungen über neue Wege der teilhabeorientierten Forschung gelingen kann, in denen Praxisakteur:innen als Co-Forschende agieren und Forschung selbst zum Teilhabesetting wird. Diskutiert werden der Mehrwert dieses forschenden Blicks in der pädagogischen Praxis, Spannungsfelder im Forschungsalltag sowie Implikationen für die Gestaltung teilhabeorientierter Forschungsstrukturen.

Literatur
Keeley, C., Geuting, J. & Mairhofer, P. (2025). Arbeitsbezogene Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen als Grundlage zur Gestaltung einer beruflichen Orientierung und Bildung. In: Gemeinsam Leben 04/25, 230-238.

Mairhofer, P., Keeley, C. & Geuting, J. (2025). Forschung gemeinsam gestalten. Werkstattarbeit im Forschungsprojekt GPS. In: Werkstatt:Dialog, 2, 14-16.

TEKLA – Ein Beitrag zur Verbesserung der Teilhabe von Menschen mit komplexer Behinderung im Arbeitskontext | Annette Blaudszun-Lahm, Frank Eierdanz

Kurzfassung
Der Beitrag stellt das Projekt TEKLA vor, in dem ein praxisorientiertes Instrument zur Förderung der Teilhabe von Menschen mit komplexer Behinderung im Arbeitskontext von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) entwickelt wird. Im Fokus stehen Beschäftigte, die nicht oder nur eingeschränkt verbal kommunizieren und daher auf ein sensibles Erkennen ihrer Bedürfnisse und Wünsche angewiesen sind. Das einjährige Projekt (06/2025–06/2026) zielt darauf ab, Fachkräften eine strukturierte Orientierungshilfe bereitzustellen, um Teilhabe als aktiven, partizipativen Prozess zu gestalten.

Problemlage
Die Erfassung von Wirksamkeit und Teilhabequalität in WfbM bildet eine zentrale Grundlage für wirksame Angebotsentwicklung. Für Menschen mit komplexer Behinderung fehlen bislang methodisch fundierte Ansätze, die eine verlässliche Annäherung an ihr Erleben erlauben. Standardisierte Befragungen sind für diese Zielgruppe ungeeignet. Dadurch fehlen relevante Informationen, wie Beschäftigte mit komplexer Behinderung den Werkstattalltag erleben und wie Angebote personenzentriert verbessert werden können.

Zielsetzung und Forschungsfrage
In Kooperation mit fünf WfbM wird ein Beobachtungstool entwickelt, das nonverbale Ausdrucksformen – etwa Mimik, Gestik und situatives Verhalten – strukturiert erfasst und interpretierbar macht. Die systematische Beobachtung emotionaler Reaktionen soll zum einen eine Beurteilung der Teilhabequalität ermöglichen und zum anderen Fachkräfte dabei unterstützen, Präferenzen, Belastungsmomente und Teilhabemöglichkeiten individueller zu erkennen und Arbeitsangebote gezielter zu gestalten.

Methoden
Das Excel-basierte Tool umfasst sechs Beobachtungsdimensionen: Schmerzerleben, Arbeits- und Bildungsangebote, Entspannungs- und Präventionsangebote, soziales Bezugssystem und Kommunikation, Mobilität sowie Emotionalität. Die Dimensionen wurden in drei Entwicklungsworkshops mit Fach- und Führungskräften aus den fünf beteiligten WfbM erstellt und im Pretest mit ca. 100 Beschäftigten erprobt. Rückmeldungen zu Anwendungsaufwand, Nutzen und Integration in Teilhabeplanungen werden im Frühjahr 2026 ausgewertet.

Schlussfolgerungen
Vorläufige Erfahrungen zeigen, dass das Instrument Fachkräfte dabei unterstützt, Bedarfe von Beschäftigten mit komplexer Behinderung differenzierter wahrzunehmen und sie besser an arbeitsweltbezogenen und alltäglichen Lebenserfahrungen aktiv zu beteiligen. Zugleich stärkt die Nutzung des Tools berufliche Selbstwirksamkeit und Arbeitszufriedenheit in der anspruchsvollen Arbeit mit nicht lautsprachlich kommunizierenden Personengruppen.

C24. Forschungswerkstatt Schule & Ausbildung: Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Hochschulen

Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Hochschulen – drei Forschungsprojekte im Diskurs | Laura Rölkes, Jens Schulten, Jenny Werres, Anke Groß-Kunkel, Susanne Mischo

Mit der UN-BRK ist das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe an Bildung auch für den Hochschulbereich gesetzlich verankert. Dennoch sind Hochschulen weiterhin selektiv organisiert und für Menschen mit Lernschwierigkeiten kaum zugänglich (Mischo et al., 2023). Die Forschungswerkstatt stellt drei laufende Forschungsprojekte vor, die sich mit unterschiedlichen Formen der Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Hochschulbildung und Hochschulforschung befassen. Die zentrale Leitfrage, die alle Projekte rahmt, lautet: Wie kann Teilhabe an Hochschulen für Menschen mit Lernschwierigkeiten gestaltet werden?

Nach der Vorstellung der Projekte, soll an Gruppentischen zu vertiefenden Fragestellungen diskutiert werden. Die Ergebnisse werden von den Moderator:innen festgehalten und anschließend zusammengetragen.

Dissertation Laura Rölkes: Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten – eine Betrachtung aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive
Es wird ein laufendes Dissertationsprojekt vorgestellt, das sich mit der Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Hochschulbildung befasst. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Inklusion, Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe richtet die Arbeit den Fokus auf die Frage, wie Zugänge zu Hochschulbildung für diese Personengruppe ermöglicht und begrenzt werden. Im Sinne der Grounded Theory strebt das Projekt nach einem verstehenden Zugang zur Wirklichkeit. Der Vortrag stellt erste Ergebnisse der bisherigen Forschung vor und skizziert Spannungsfelder zwischen Inklusionsansprüchen und Hochschulstrukturen.

SUSHI-Projekt der Universität zu Köln: Qualitative Forschung gemeinsam gestalten
Das zweite Projekt ist ein partizipatives Forschungsprojekt an einer Universität, in dem Menschen mit Lernschwierigkeiten als Co-Forschende in alle Phasen des Forschungsprozesses einbezogen werden (Mischo et al., 2023). Nach der Durchführung qualitativer Interviews mittels Talking Mats widmet sich die Gruppe aktuell der Auswertung der Daten. Während es mittlerweile unterschiedliche Ansätze zur partizipativen Datenerhebung gibt, liegen bislang kaum methodisch ausgearbeitete Konzepte für die partizipative Auswertung qualitativer Daten vor. Die einzelnen Arbeitsschritte der Auswertung wurden daher gemeinsam erarbeitet, erprobt und reflektiert. Es werden Gelingensbedingungen und Herausforderungen sowie erste Überlegungen dazu vorgestellt, wie der Forschungsprozess partizipativ gestaltet werden kann und welche methodischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

C25. Themenforum Eltern & Kinder: Elternperspektiven auf Angebote und Unterstützungssysteme

„Hört uns zu!“ – Elternerfahrungen als Kompass für bedarfsgerechte Unterstützungssysteme | Christian Walter-Klose, Sabrina Fuths

Familien mit Kindern mit Behinderung bewegen sich in einem komplexen Spannungsfeld zwischen familiärem Alltag und der Notwendigkeit professioneller Unterstützung. Oft werden sie dabei jedoch nicht als Expert*innen in eigener Sache wahrgenommen, sondern stoßen auf massive Barrieren. Dieser Beitrag stellt zentrale Ergebnisse des Citizen-Science-Projekts „Hört uns zu!“ vor, in dem Eltern nicht nur Beforschte, sondern aktive Impulsgeber und Mitgestalter des Forschungsprozesses waren. Der Fokus der Studie lag auf der Ermittlung von Elternerfahrungen im Rahmen des Hilfesystems (Behörden, gesundheitliche Versorgung, Beratung).

Basierend auf 43 qualitativen Peer-to-Peer-Interviews und einer nationalen Fragebogenerhebung (N > 800) zeichnet der Beitrag ein differenziertes Bild der Barrieren im deutschen Hilfesystem. Die Ergebnisse zeigen Hürden auf strukturellen und interaktionalen Ebenen, die fehlende Angebote und Zugangsbarrieren ebenso verdeutlichen wie Paternalismus, Schuldzuweisungen oder fehlendes Bemühen um Verständnis. Theoretisch gerahmt durch die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan) diskutiert der Beitrag, wie Unterstützungssysteme gestaltet sein müssen, um die psychologischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit zu erfüllen. Ziel ist der Wandel von einem defizitorientierten System hin zu einer Haltung des „Allyship“, in der Fachkräfte als Verbündete agieren.

emPOWERment – Erfahrungen von Familien mit einem Kind mit Trisomie 18 oder 13 mit (medizinischen) Fachkräften | Vera Munde, Julia Scherpf

Fragestellung
Kinder mit Trisomie 18 und 13 gelten häufig als "lebensunfähig" (Cereda & Carey, 2012; Weaver, Anderson & Beck, 2021). So erleben viele Eltern die Zeit nach der Diagnose, aber auch das Leben mit ihrem Kind immer wieder als Kampf für die Rechte ihres Kindes (Kosho et al., 2013). Besonders prägend werden dabei die Erfahrungen mit (medizinischen) Fachkräften beschrieben (Janvier, Farlow & Barrington, 2016).

In der Präsentation zu unserem von Eltern initiierten, partizipativen Forschungsprojekt steht die folgende Frage im Fokus: Welche Rolle spielen (medizinische) Fachkräfte für das Empowerment von Familien mit einem Kind mit Trisomie 18 oder 13?

Methode
Im Rahmen einer Fragebogenerhebung wurden 80 Elternteile zu ihren Erfahrungen, Wünschen und Bedürfnissen in den Phasen der Schwangerschaft, Geburt und im Leben mit einem Kind mit Trisomie 18 oder 13 befragt. Die Präsentation beleuchtet die Auswertung eines Fragenblocks rundum prägende Erfahrungen mit einzelnen (medizinischen) Fachkräften. Die vier offenen Fragen wurden qualitativ ausgewertet und in Kategorien zusammengefasst.

Ergebnisse
Die Antworten zeigen, dass Unverständnis, zeitlicher Druck und fehlende Informationen zu Verunsicherung und emotionalen Verletzungen bei den betroffenen Eltern führen. Im Kontrast dazu sind für die Eltern ein empathischer Umgang, die Ansprechbarkeit und das umfassende Informieren empowernde Elemente im Kontakt mit (medizinischen) Fachkräften. Es werden kleinere Unterschiede zwischen den verschiedenen Phasen sichtbar.

Diskussion
Die Bedürfnisse und Wünsche einer Familie mit einem Kind mit Trisomie 18 oder 13 in der Zeit nach der Diagnose und im Leben mit ihrem Kind müssen immer auch individuell betrachtet werden. Gleichzeitig geben die Ergebnisse unseres Projekts Anknüpfungspunkte, um die Zusammenarbeit von Eltern und (medizinische) Fachkräfte zu stärken.

Zusammenarbeit zwischen Eltern junger Menschen mit Behinderungen und Fachkräften im Kontext inklusiver Kinder- und Jugendarbeit zur Förderung von Teilhabe | Katharina Przybylski

Dieser Beitrag untersucht die Zusammenarbeit zwischen Eltern junger Menschen mit Behinderungen und Fachkräften aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) sowie die Rolle von Eltern für die Teilhabemöglichkeiten junger Menschen mit Behinderungen an Angeboten der OKJA. Es ist bekannt, dass Eltern von jungen Menschen mit Behinderungen für die Nutzung von Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit und Zugängen zu diesen eine wichtige Rolle einnehmen, beispielsweise als Wissensträger*innen oder beim Absichern von Mobilität. Die Haltung von Eltern kann Zugangshindernis oder -ermöglichung sein. (vgl. aej et al. 2015; AGJ 2019; Meyer 2016; Meyer/Voigts 2024, Przybylski/Voigts 2023; Voigts 2015, 2018) Gleichzeitig fehlten bisher empirische Daten zur konkreten Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften aus der OKJA und deren Auswirkungen.

Das grundlegende Ziel des Praxisforschungsprojektes „Jugendfarmen und Aktivspielplätze für alle – Inklusive Rahmenbedingungen erforschen“ ist es, die Kommunikation mit und Einbindung von Eltern im Praxishandeln von Fachkräften in der OKJA zu untersuchen sowie in Kooperation mit dem Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze jungen Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an Angeboten der OKJA zu ermöglichen und Zugangsbarrieren zu diesen abzubauen.

An fünf Projektstandorten wurden insgesamt 47 problemzentrierte, leitfadengestützte qualitative Interviews mit vier verschiedenen Zielgruppen (Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendarbeit, Mitarbeitende aus Diensten für Menschen mit Behinderungen, Eltern von jungen Menschen mit Behinderungen, junge Menschen mit Behinderungen) geführt (Witzel 2000, Helfferich 2022) und mit der Qualitativen Inhaltanalyse ausgewertet (Kuckartz/Rädiker 2022). Die Interviews mit jungen Menschen mit Behinderungen wurden unter Berücksichtigung eines inklusiven und barrierearmen Forschungsansatzes durchgeführt.

Die Ergebnisse beschreiben das subjektive Erleben des Kontakts, Bedarfe und Herausforderungen im Kontext der Zusammenarbeit, Unterstützungsmöglichkeiten durch Mitarbeitende aus Diensten für Menschen mit Behinderungen sowie die subjektive Bedeutung von Eltern aus den vier verschiedenen Perspektiven heraus.

Literaturquellen
aej - Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland; Aktion Mensch; Diakonie Deutschland (2015): Auftrag Inklusion. Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit. Inhaltliche Grundlagen, Handlungsempfehlungen und Anregungen und für die Praxis. Hannover, Bonn, Berlin.

AGJ - Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (2019): Inklusion in der Jugendarbeit. 10 Jahre UN-BRK - ein Blick auf die Entwicklungen in der und Erwartungen an die Jugendarbeit. Diskussionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ. Berlin.

Helfferich, Cornelia (2022): Leitfaden- und Experteninterviews. In: Nina Baur und Jörg Blasius (Hg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. 3. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 875-892.

Kuckartz, Udo; Rädiker, Stefan (2022): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 5. Aufl. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Meyer, Thomas (2016): Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Jugendsozialarbeit in Baden-Württemberg. Eine Expertise. Hg. v. Institut für angewandte Sozialwissenschaften (IfaS). Stuttgart.

Meyer, Thomas; Voigts, Gunda (Hg.) (2024): Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit. Anspruch, Realität, Visionen. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Przybylski, Katharina; Voigts, Gunda (2023): Perspektiven junger Menschen mit geistigen Behinderungen auf Angebote der Kinder- und Jugendarbeit. Erste Ergebnisse einer qualitativen Befragung von Jugendlichen in Hamburg und Ostholstein. In: FORUM für Kinder- und Jugendarbeit 39 (3), S. 59-63.

Voigts, Gunda (2015): Kinder in Jugendverbänden. Eine empirische Untersuchung zu Strukturen, Konzepten und Motiven im Kontext der gesellschaftlichen Debatten um Inklusion. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Voigts, Gunda (2018): Projekt „Freiräume - Inklusion in der Bielefelder Offenen Kinder- und Jugendarbeit“. Ergebnisse eines Praxisforschungsprojektes mit Studierenden der HAW Hamburg und der HAWK Hildesheim - Holzminden - Göttingen. Evaluationsbericht. Hg. v. Verein zur Förderung der Jugendarbeit e.V. Bielefeld.

Witzel, Andreas (2000): Das problemzentrierte Interview. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 1 (1).

C26. Forschungswerkstatt Freizeit & Öffentliches Leben: Bewegung im Alltag von Menschen mit komplexer Behinderung

Projekt InBeKo – Bewegung im Alltag von Menschen mit komplexer Behinderung | Minh-Thu Huynh, Mira Gollwitzer, Inke Grauenhorst, Margit Niggemeier

Fragestellung
Trotz des Rechts auf Teilhabe an Sport und Bewegung und dem weit verbreiteten Wissen der vielfältigen positiven Effekte von Bewegung, ist Bewegung im Alltag von Menschen mit komplexer Behinderung kein selbstverständlicher Bestandteil. Dies soll sich mit dem von der Sozialstiftung NRW geförderten Modellvorhaben “InBeKo” (In Bewegung kommen – In Bewegung bleiben) ändern. Hierfür arbeiten in einem Forschungsteam Menschen mit komplexer Behinderung, deren Unterstützungspersonen sowie Personen aus der wissenschaftlichen Begleitung partizipativ zusammen.

Anknüpfend an die bisherigen Arbeiten im Rahmen des Modellvorhabens soll in der Forschungswerkstatt in einem partizipativen Format diskutiert und weiter erarbeitet werden, wie Bewegung im Alltag von Menschen mit komplexer Behinderung implementiert werden kann.

Inhaltliche & methodische Gestaltung
Im Folgenden werden erste Ideen für die Gestaltung genannt, die die wissenschaftliche Begleitung und die Unterstützungspersonen gemeinsam entwickelt haben. Die konkrete Ausgestaltung der Forschungswerkstatt wird partizipativ mit den Personen mit komplexer Behinderung erarbeitet, weswegen sich das Vorgehen noch verändern kann.

Als Einstimmung in das Thema findet ein kurzes inklusives Bewegungsangebot statt. Im Anschluss wird ein Überblick über den Projekthintergrund und das grundlegende Vorgehen gegeben. Danach können an verschiedenen Thementischen erste Einblicke in Ergebnisse des Projekts genommen und bereits diskutiert werden:

Personen mit komplexer Behinderung zeigen Fotos der Photo-Voice Erhebung und der Bewegungserprobungen, sowie die im Projekt entstandenen Ich-Bücher, Unterstützungspersonen geben einen Einblick in die Ergebnisse einer stattgefundenen Zukunftswerkstatt. Zum Abschluss wird auf Basis der gezeigten Ergebnisse diskutiert, wie Bewegung selbstverständlicher Teil des Alltags von Menschen mit komplexer Behinderung werden kann. Hierbei wird sowohl die praktische Perspektive eingenommen und sich darüber ausgetauscht, wie Ergebnisse des Projekts gut für die Praxis nutzbar gemacht werden können. Außerdem wird das partizipative Vorgehen des Projekts in den Fokus genommen und reflektiert.

Ergebnissicherung
Sowohl Diskussionspunkte an den Thementischen als auch der Abschlussdiskussion werden auf Moderationskarten festgehalten und an Stellwänden geclustert nach den Themen sichtbar gemacht. Im Anschluss an den Kongress läuft das Projekt noch ein knappes Jahr: in diesem Zeitraum werden Materialien entwickelt, mit denen die Ergebnisse des Projekts für eine breite Praxis nutzbar gemacht werden sollen. Die Ergebnisse der Forschungswerkstatt werden als Anregung für die Gestaltung dieser verwendet. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird zudem das partizipative Vorgehen des Modellvorhabens reflektiert. Auch hierfür können die Ergebnisse der Forschungswerkstatt genutzt werden. Ein Verweis auf die Erarbeitung innerhalb der Forschungswerkstatt wird entsprechend erfolgen.

C27. Themenforum Forschung & Diskurs: Entwicklung und Ausrichtung der Teilhabeforschung

Teilhabe im versäulten Sozialstaat – ein weiter Auftrag für Teilhabeforschung | Peter Bartelheimer

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), dem Bundesteilhabegesetz und der Neufassung des SGB IX wurden zunächst für Menschen mit Behinderungen Teilhabe und Inklusion von einem unbestimmten Versprechen zu einem fachlich begründeten Rechtsanspruch. Inzwischen haben andere sozialpolitische Handlungsfelder und Rechtskreise diese Begriffe formell übernommen. Dort entscheiden aber die jeweils zu bearbeitenden Problemlagen, andere Rechtsaufträge, bestehende normative Orientierungen und Leistungsorganisationen über ihre fachliche Geltung.

Der Beitrag skizziert, wie sich Gesetze, Fachdiskurse und Projekte in anderen Sozialleistungssystemen des versäulten Sozialstaats heute auf Teilhabe beziehen. Im SGB II sollen Geldleistungen seit 2011 ein Mindestmaß materieller Teilhabe sichern und persönliche Unterstützung soll auch soziale Teilhabe fördern. Mit dem Bürgergeld wurden Teilhabeziele in den Jobcentern aufgewertet, mit der „neuen Grundsicherung“ werden sie derzeit wieder zurückgedrängt. Im SGB XII besteht mit den Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten eine ältere Rechtsnorm, die strukturelle Nähe zum Teilhabekonzept aufweist. Das SGB VIII gibt der Jugendhilfe seit 2021 das Ziel vor, Kindern und Jugendliche entsprechend ihrem Alter selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Dagegen blieben Bestrebungen, in der Migrationspolitik die Leitidee der Integration durch Inklusion und Teilhabe abzulösen, erfolglos.

Auf dieser Grundlage diskutiert der Beitrag, wie weit das in der UN-BRK verankerte Teilhabeverständnis in seinem paradigmatischen Kern auf andere Handlungsfelder übertragen werden kann. Daraus ergibt sich ein bereichsübergreifender Anspruch an Teilhabeforschung, die fachliche Aneignung der Leitideen Teilhabe und Inklusion über die Hilfen für Menschen mit Behinderungen hinaus kritisch zu begleiten und zu unterstützen.

Kontakt
Dr. Peter Bartelheimer, Sozialforschung und Publizistik, Harzburger Str. 5, D-28205 Bremen, Tel +49 421 43486782, email: p.bartelheimer@t-online.de

Zur Person
Dr. Peter Bartelheimer, Dr. phil., Soziologe, Arbeitsschwerpunkte Sozialberichterstattung, Arbeitsmarktdienstleistungen, Sozioökonomie, Nachhaltigkeitstransformation, Ungleichheit und Teilhabe, zuletzt (bis 2019) am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V., langjähriges Mitglied im Aktionsbündnis Teilhabeforschung, im aktiven Ruhestand in Bremen.

Fortschritte der Teilhabeforschung - Eine wissenschaftssoziologische
Betrachtung ihrer Institutionalisierung | Markus Schäfers, Gudrun Wansing

Die Etablierung des Teilhabebegriffs als normativen und analytischen Bezugspunkt hat zur Entstehung der Teilhabeforschung als ein eigenes, interdisziplinäres Forschungsfeld geführt, das sich wesentlich über seinen thematischen Gegenstand profiliert. Teilhabeforschung fragt nicht nur nach dem Ausmaß und den Formen der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, sondern untersucht auch die strukturellen, institutionellen und interaktionalen Bedingungen, die Teilhabe ermöglichen oder verhindern.

Als Forschungsfeld „im Werden“ (Wansing, Schäfers & Köbsell 2022) stellt sich die Frage nach den Fortschritten der Teilhabeforschung im Sinne ihrer klaren Profilierung und Statussicherung in der Wissenschaft. Im Beitrag sollen aus einer wissenschaftssoziologischen Perspektive Fortschritte ihrer Institutionalisierung in der Bedeutung eines übergreifenden Prozesses der „Verstetigung, Sichtbarmachung und Absicherung (…) als Lehr- und Forschungsgebiet im Wissenschaftssystem“ (Metz-Göckel 2010, 895) untersucht werden. In Anlehnung an eine Heuristik von Parthey (2018) werden strukturelle, soziale, epistemische und politisch-gesellschaftliche Aspekte sowie deren Interdependenzen betrachtet.

Die Analyse zeigt insgesamt ein ambivalentes Bild: Einerseits ist Teilhabeforschung im deutschen Wissenschaftsbetrieb strukturell nur schwach verankert. Andererseits lässt sich mit Blick auf die soziale Institutionalisierung nachzeichnen, dass Teilhabeforschung insbesondere durch die Netzwerkbildung deutlich an Kontur gewonnen hat. Diese unterstützt auch die Transdisziplinarität und partizipative Forschungsansätze, die sich als wesentliche Orientierungspunkte einer epistemischen Kultur von Teilhabeforschung herausgebildet haben. Auch der Anwendungsbezug sowie die politische Bedeutung, die der Teilhabeforschung zur Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme zugeschrieben wird, sprechen für eine fortgeschrittene Institutionalisierung. Der Beitrag soll zur Diskussion anregen, durch welche Aktivitäten die Teilhabeforschung weitere Schubkraft gewinnen kann.

Kontakt
Prof. Dr. Gudrun Wansing
gudrun.wansing@hu-berlin.de

Literatur
Wansing, Gudrun; Schäfers, Markus; Köbsell, Swantje (2022): Teilhabeforschung – ein Forschungsfeld profiliert sich. In: ds. (Hg.): Teilhabeforschung – Konturen eines neuen Forschungsfeldes. Wiesbaden: Springer VS, S. 1-8.

Metz-Göckel, Sigrid (2010): Institutionalisierung der Frauen-/Geschlechterforschung: Geschichte und Formen. In: Ruth Becker und Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 895-903.

Parthey, Heinrich (2018): Institutionalisierung disziplinärer und interdisziplinärer Forschungssituationen. In: Klaus Fischer, Hubert Laitko und Heinrich Parthey (Hg.): Interdisziplinarität und Institutionalisierung der Wissenschaft: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2010. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, S. 9-27.

C28. Themenforum Digitales: KI, Ableism und berufliche Teilhabe

Zwischen Partizipation und Automatisierung Ableistische Muster in KI-generierter Sprache erkennen | Christian Huppert

KI-gestützte Chatbots finden weitreichende Verbreitung. Vom privatwirtschaftlichen Sektor bis hin zu Websites von Kommunen prägen sie Zugänge zu Information und Chancen zur Teilhabe. Basierend auf Sprachmodellen reproduzieren sie jedoch auch ableistische Muster aus den Trainingsdaten dieser Modelle. So finden sich dort z.B. stereotype Narrative, defizitorientierte Zuschreibungen und Überbetonung von Abhängigkeiten. Es stellt sich daher die Frage, wie ableistische Muster in Service-Chats erkannt, bewertet und vermieden werden können.

Das Forschungsprojekt ABLE (Aktion Mensch, HSBI, wonk.ai) untersucht, wie sich ableistische Muster in KI-generierter Sprache zeigen. Inhaltliche Grundlage ist ein partizipativ entwickeltes Regelwerk zur Bewertung von KI-Interaktionen. Menschen mit unterschiedlichen Behinderungserfahrungen analysierten in Workshops Chatverläufe und entwickelten ein Regelwerk weiter, z.B. zur Vermeidung von Defizitperspektiven, zur Sichtbarkeit struktureller Barrieren und zur Anerkennung von Assistenz als gesellschaftlicher Verantwortung. Das Regelwerk wurde in ein kritisches Prüf-Tool integriert, das KI-Interaktionen automatisiert analysiert und ableistische Muster sichtbar machen soll.

Der Beitrag zeichnet den in Teilen partizipativen Entwicklungsprozess des Prüf-Tools nach und richtet anschließend einen kritisch-reflektierenden Blick auf dessen Einsatz. Diskutiert wird, wie konsistent und nachvollziehbar KI-basierte Einschätzungen sind, wo Stärken liegen – etwa bei der Sichtbarmachung diskriminierender Sprachmuster – und wo Grenzen bestehen, insbesondere bei komplexen, normativ ausgerichteten Regeln. Daraus ergeben sich grundlegende Fragen nach Verantwortung, Transparenz und Teilhabe beim Einsatz und der Weiterentwicklung KI-basierter Analyseinstrumente. Der Beitrag plädiert für eine menschenrechts- und teilhabeorientierte Einbettung solcher Tools, in der partizipative Entwicklung, qualitative Reflexion und technischer Einsatz zusammengedacht werden.

Prof. Dr. Christian Huppert
Hochschule Bielefeld (HSBI)
christian.huppert@hsbi.de

„Zwischen Leistungsnorm und Selbstbestimmung“ – Digitale Reflexionshilfe zu Aushandlungen von Teilhabe im Arbeitsleben chronisch erkrankter Menschen | Mathilde Niehaus, Marie Heide

Fragestellung
Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen am Arbeitsleben. Empirische Befunde, u. a. aus dem Teilhabebericht, verweisen jedoch auf anhaltende Exklusionsrisiken. Menschen mit chronischen Erkrankungen bewegen sich im Arbeitsalltag in einem Spannungsfeld zwischen Leistungsanforderungen, gesundheitlichen Grenzen und normativen Erwartungen an Verfügbarkeit. Der wiederkehrende Entscheidungsprozess „Heute arbeiten – ja oder nein?“ bildet dabei einen zentralen, bislang wenig partizipativ erforschten Aushandlungsraum von Teilhabe. Das Projekt untersucht aus Betroffenenperspektive, welche Bedingungen diese Entscheidungen prägen und wie sie mit Teilhabe- und Ausschlussdynamiken zusammenhängen.

Herangehensweise
Das Projekt wurde von 2023 bis 2025 in Kooperation mit der BAG SELBSTHILFE e.V. umgesetzt und folgt einem partizipativen Forschungsansatz. Selbsthilfeorganisationen und Betroffene waren in zentrale Phasen eingebunden. Methodisch kombiniert wurden eine systematische Literaturrecherche, die Erhebung von Erfahrungswissen aus der Selbsthilfe sowie eine Online-Befragung von Mitarbeitenden mit chronischer Erkrankung.

Ergebnisse
An der Befragung nahmen 1.175 Personen teil, 44 % mit einem anerkannten Grad der Behinderung von mindestens 50. Die Ergebnisse zeigen, dass Entscheidungen für Präsentismus oder Krankmeldung weniger medizinisch begründet sind als vielmehr von betrieblichen Kulturen, erlebter Anerkennung, Stigmatisierungserfahrungen und der Verfügbarkeit flexibler Arbeitsarrangements abhängen. Aufbauend darauf wurde gemeinsam mit der Selbsthilfe und Akteuren aus Unternehmen eine digitale Reflexionshilfe entwickelt.

Diskussion
Aus inklusionsforschungstheoretischer Perspektive wird deutlich, dass Präsentismus und Absentismus Ausdruck strukturell gerahmter Teilhabebedingungen sind. Die partizipative Entwicklung der Reflexionshilfe verschiebt den Fokus von einer defizitorientierten hin zu einer ressourcen- und rechtebasierten Perspektive und leistet einen Beitrag zur partizipativen Teilhabeforschung sowie zur Umsetzung der UN-BRK im Arbeitskontext.

Digitale Unterstützung zu inklusiver Teilhabe (DUziT): Adressat:innenorientierte Technologieentwicklung und kooperative Wissensproduktion im Kontext der UN-BRK | Mario Schreiner, Maximilian Altmeyer, Sebastian Rahn, Theresa Jung-Krenzer, Lars Bieringer

Beschreibung:
Das Forschungsprojekt DUziT – Digitale Unterstützung zu inklusiver Teilhabe analysiert, inwiefern adressat:innenzentrierte Technologieentwicklung zur Realisierung der in der UN-Behindertenrechtskonvention verankerten Rechte auf gleichberechtigte Teilhabe beitragen kann. Zentrales Erkenntnisinteresse ist die Gestaltung digitaler Erhebungsinstrumente, die Teilhabebarrieren von Menschen mit Behinderungen nicht nur sichtbar machen, sondern zugleich Räume partizipativer Wissensproduktion eröffnen.

Das explorative Studiendesign umfasste 5 Phasen und kombinierte sozialwissenschaftliche Ansätze mit menschzentrierter Softwareentwicklung. In Phase 1 wurden leitfadengestützte Interviews mit Leitungspersonen aus der Behindertenhilfe geführt, um Rahmenbedingungen und Zugangsstrukturen zu erfassen. Phase 2 beinhaltete partizipative Co-Design-Workshops mit Adressat:innen, in denen mithilfe von Paper-Prototyping erste digitale Erhebungsformate entwickelt wurden. Auf dieser Grundlage entstand in Phase 3 ein App-Prototyp, der in Usability-Tests iterativ optimiert wurde. In Phase 4 dokumentierten die Teilnehmenden mithilfe der App eigenständig erste Teilhabebarrieren in Form von Foto- und Textbeiträgen. In Phase 5 wurde in einem Workshop die App-Nutzung und die Wahrnehmung von Barrieren im Alltag gemeinsam reflektiert und diskutiert.

Das Projekt zeigt, wie kooperative Wissensproduktion und partizipative Technologieentwicklung neue Formen sozialer Teilhabe im Berufsalltag ermöglichen können.

DUziT bedient sich zentralen Prinzipien der UN-BRK – Partizipation, Empowerment und Inklusion – und verdeutlicht, dass adressat:innenzentrierte Technologieentwicklung nicht nur methodisch innovativ ist, sondern auch als Instrument sozialer Aushandlung fungiert, indem sie Betroffene zu Ko-Produzent:innen von Wissen und Gestalter:innen von Inklusion macht.

C29. Forschungswerkstatt Digitales: Partizipative App-Entwicklung aus transdisziplinärer Perspektive

Partizipative App-Entwicklung aus transdisziplinärer Perspektive: Zur besseren Verständlichkeit von Texten durch die KI-gestützte App KARLA für und mit Menschen mit Lernschwierigkeiten | Lukas Baumann, Marie-Christin Lueg, Stefanie Frings, Julia Nicklas

Um durch Technologien die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen zu stärken, bedarf es partizipativer Projekte, die die Expertisen relevanter Akteurinnen auf dem Weg der technologischen Entwicklung, der Veröffentlichung und der Verbreitung von Produkten vereint. Dazu arbeiten im Projekt KARLA Menschen mit Lernschwierigkeiten als Co-Forscherinnen, Praktizierende aus der Sozialwirtschaft, Designerinnen und Softwareentwicklerinnen sowie beruflich Forschende gemeinsam an der Entwicklung einer KI-gestützten App, die schwere und komplexe Texte verständlicher macht und konkrete Hilfestellung gibt, um Formulare auszufüllen oder eigene Antworten zu verfassen.

Die Forschungswerkstatt greift den transdisziplinären Gedanken des Projekts auf, indem Co-Forscherinnen, Technikerinnen, Praxispartnerinnen und Wissenschaftlerinnen ihre Erfahrungen teilen. Ziel der Forschungswerkstatt ist es, Chancen und Herausforderungen partizipativer Projekte in transdisziplinärer Zusammenarbeit zu diskutieren und Ideen sowie Impulse für zukünftige Projekte zu gewinnen. Ferner sollen didaktische und methodische Besonderheiten erfahrbar gemacht werden, die erforderlich sind, um partizipative Projekte transdisziplinär zu gestalten.

Um die Perspektiven im Projekt KARLA vielfältig zu diskutieren, können die Teilnehmenden ihre Gedanken und Erfahrungen im Rahmen eines World-Cafés einbringen. Dazu wird zunächst ein Einblick in das Projekt KARLA (Zusammenarbeit, Methodik, Entwicklung des Prototyps) gegeben.

Vertreterinnen aus den vier Expertise-Bereichen des KARLA-Projekts laden dazu zu Tischgesprächen ein:

  • Tisch 1: Perspektive aus der Beteiligung als Co-Forscherin
  • Tisch 2: Perspektive aus der Koordination partizipativer Projekte in der Praxis
  • Tisch 3: Perspektive aus der partizipativen Design- und Technikentwicklung
  • Tisch 4: Perspektive aus der wissenschaftlichen Begleitung partizipativer Projektgestaltung

An jedem Tisch findet zu einer festgelegten Fragestellung eine moderierte Diskussion statt, deren Ergebnisse schriftlich sowie symbolorientiert festgehalten werden. Die Teilnehmenden rotieren in festgelegten Zeitabständen zwischen den Tischen, sodass Ergebnisse vorheriger Diskussionsgruppen ergänzt werden und jede Person die Möglichkeit erhält, in jede der vier Perspektiven einzutauchen.

Die Forschungswerkstatt wird durch eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse aller Tische beendet. Die Teilnehmer*innen erhalten die Möglichkeit, sich in eine Mailingliste einzutragen, um die Ergebnisse der Veranstaltung im Anschluss zu erhalten.

C30. Themenforum Wohnen & Sozialraum: Partizipation und Mitgestaltung

Selbstvertretung als besonderes Moment sozialräumlicher Inklusion | Matthias Müller, Ken Mertens

Trotz vielfältiger Normen wie der UN-BRK oder dem BTHG ist Inklusion – verstanden als volle gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung für alle – nach wie vor ein nicht vollständig eingelöstes Versprechen. Das zeigt sich an Barrieren und eingeschränkten Möglichkeiten in u.a. Kultur, Wohnen, Freizeit und Sport (Maetzel et al., 2021; Engels & Heitzenröder, 2023) als auch an menschenfeindlichen, insbesondere sozialdarwinistischen Einstellungen in der Gesellschaft (Decker et al., 2024; Zick, Mokros & Küpper, 2025) und neoliberalen Vereinnahmungen (z. B. Boban & Hinz, 2017). Dabei birgt gerade der Sozialraum, der Kontext des Alltags, ein großes Potenzial, Vereinzelung entgegenzuwirken, Teilhabemöglichkeiten zu schaffen und Netzwerke zu stärken (Knopp, 2020). Außerhalb formalisierter Strukturen und mit kreativen Methoden sind es dabei insbesondere Selbstvertreterinnen, die sich selbstbewusst Raum nehmen, Verbündete erschließen, Barrieren sichtbar machen und im Sinne präfigurativer Praxis (Sörensen, 2019) Verbesserungen von Lebensbedingungen vor Ort anregen und schaffen. In diesem Beitrag soll das besondere Moment von Selbstvertretung als Chance für sozialräumliche Inklusion dargestellt werden. Dafür werden einerseits theoretische Verortungen von Selbstvertretung als widerständiger Praxis und Inklusion im Sozialraum vorgenommen, andererseits erste Erkenntnisse aus einer aktuellen Forschung im Rahmen von „Inklusion vor Ort“, einem Projektansatz der Aktion Mensch, vorgestellt. Im partizipativen Forschungsprojekt werden Selbstvertreterinnen aus Dresden zu Co-Forscherinnen und erschließen gemeinsam mit uns Barrieren und Potenziale von Inklusion im Sozialraum sowie Stärken und Spezifika ihrer eigenen Initiative. Erste im Rahmen einer Gruppendiskussion erhobene Daten zeigen eindrücklich Formate, Gelingensbedingungen und Herausforderungen von Selbstvertretung als Moment sozialräumlicher Inklusion. Diese Daten sollen im Zentrum des Beitrags stehen und mit den anwesenden Teilnehmerinnen diskutiert werden.

Literatur:
Boban, I. & Hinz, A. (2017). Inklusion zwischen Menschenrechten und Neoliberalismus – eine Problemskizze. In B. Lütje-Klose, M.-A. Boger, B. Hopmann & P. Neumann (Hrsg.), Leistung inklusive? Inklusion in der Leistungsgesellschaft (S. 39–47). Band I: Menschenrechtliche, sozialtheoretische und professionsbezogene Perspek,ven. Bad Heilbrunn.

Decker, O., Kiess, J., Heller, A. & Brähler, E. (2024). Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024: Methoden, Ergebnisse und Langzeitverlauf. In O. Decker, J. Kiess, A. Heller & E. Brähler (Hrsg.), Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen (S. 29–99). Psychosozial-Verlag.

Engels, D. & Heitzenröder, L. (2023). Siebter Bericht zur Lage der Menschen mit Behinderungen im Freistaat Sachsen und Fortschreibung des Aktionsplans der Sächsischen Staatsregierung zur Umsetzung der UN-BRK. Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. hps://www.behindern.verhindern.sachsen.de/SMS_BR_Bericht_Menschen-mit-Behinderungen_2023_PDF_UA_WEB_Bf-komprimiert.pdf

Knopp, R. (2020). Sozialraum und Soziale Arbeit. In K. Jepkens, L. Scholten & A. van Rießen (Hrsg.), Integration im Sozialraum: Theoretische Konzepte und empirische Bewertungen (S. 85–98). Springer VS.

Maetzel, J., Heimer, A., Braukmann, J., Frankenbach, P., Ludwig, L. & Schmutz, S. (2021). Dritter Teilhabebereicht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen: Teilhabe – Beeinträchtigung – Behinderung. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. hps://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/a125-21-teilhabebericht.pdf?__blob=publica,onFile&v=7

Sörensen, P. (2019). Widerstand findet Stadt: Präfigurative Praxis als transnationale Politik ‚rebellischer Städte‘. Zeitschrift für Politische Theorie, 10(1), 29–48. hps://doi.org/10.3224/zpth.v10i1.03

Zick, A., Mokros, N. & Küpper, B. (2025). Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft. In A. Zick, B. Küpper, N. Mokros & M. Eden (Hrsg.), Die angespannte Mitte: Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25 (S. 69–103). Verlag J. H. W. Dietz Nachf.

Mitbestimmung als Motor für strukturellen Wandel in Organisationen der Eingliederungshilfe – Erkenntnisse aus dem Projekt „Teilhabe stärken - Wir sind mutig!“ | Jana Senger

Vor dem Hintergrund, dass die geforderte gleichberechtigte Teilhabe von (jungen) Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft und organisationalen Settings noch immer keine Selbstverständlichkeit darstellt (vgl. Diehl 2017; Hirschberg & Papadopoulos 2017; Danner et al. 2017), sind die Eingliederungshilfe (EGH) sowie Kinder- und Jugendhilfe (JGH) bei der Umsetzung dieses menschenrechtlichen Grundsatzes als maßgebliche Akteur:innen, zu dessen Stärkung und Sicherung aufgerufen (vgl. Art. 3 UN-BRK; Art. 12 Abs. 1 UN-KRK; § 90 Abs. 1 SGB IX). Daraus ergibt sich die Frage, wie Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten in Strukturen der Leistungserbringenden gestärkt und als integraler Bestandteil verstanden werden können.

Das Projekt „Teilhabe stärken - Wir sind zusammen mutig!“ verfolgte das Ziel, Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung als Expert:innen in eigener Sache in diakonischen Diensten zu verbessern. 2022 starteten drei Modellorganisationen den Wandel von einrichtungszentrierter zu personenzentrierter Unterstützung und etablierten partizipative Strukturen. Alle Beteiligten – Leitung, Mitarbeitende und Expert:innen – wirkten aktiv mit (vgl. Römhild 2024). Die wissenschaftliche Begleitforschung untersuchte an drei Erhebungszeitpunkten mittels 16 teilstrukturierter, problemzentrierter Interviews, drei Fokusgruppeninterviews und einem Fokusgruppenworkshop unter Einbezug aller Prozessbeteiligten, inwiefern mitbestimmungsförderliche Strukturen entwickelt, umgesetzt und verankert wurden und welche Wirkung die Mitbestimmung auf individueller und organisationaler Ebene entfaltet.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Organisationsstrukturen etabliert haben, die Mitbestimmung von (jungen) Menschen mit Behinderung auf individueller, Gruppen- und Organisationsebene ermöglichen und Teilhabebarrieren abbauen. Der Kurzvortrag gibt Einblick in Forschungsfrage, Methoden, partizipative Elemente und zentrale Ergebnisse der Begleitforschung.

Literatur:
Bundesamt für Justiz (2016): Sozialgesetzbuch Neuntes Buch – Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen – (Artikel 1 des Gesetzes v. 23. Dezember 2016, BGBl. I S. 3234). https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9_2018/BJNR323410016.html [27.05.2025].

Danner, M., Kautz, N., & Borner, H. (2017). Die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung: Maßstab einer nachhaltigen Gesellschaft. In M.-L. Abshagen, S. Grigat, D. Jüttner, K. Körting, J. Maier, W. Obenland, M. Scholl & J. Schubert (Hrsg.), Deutschland und die globale Nachhaltigkeitsagenda: Bd. 2017. Großbaustelle Nachhaltigkeit (S. 60–65). VENRO – Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.

Denninger, T. (2021). Partizipative Organisationsentwicklung in der Eingliederungshilfe: Die Fragensammlung „Mitbestimmen!“. Teilhabe, 60(1), 24–28.

Hirschberg, M., & Papadopoulos, C. (2017). Partizipation behinderter Menschen. In E. Diehl (Hrsg.), Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung: Band 10155. Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation (S. 103–129). Bundeszentrale für politische Bildung.

Römhild, A. (2024): „[…] schon so ein bisschen Abgabe von Macht“ - Partizipation in den Organisationen der Eingliederungshilfe. Teilhabe 63 (1), S. 31–35.

Senger, J. (2025): Teilhabe(un)gerechtigkeit in Organisationen der Eingliederungshilfe. In: Schröder, C.; Alt, L.; Engel, N. (Hg.): Organisation und (Un-)Gerechtigkeit. Jahrbuch der Sektion Organisationspädagogik (1. Auflage, S. 169–184), Wiesbaden: Springer VS.

UN-KRK (1989): UN-Kinderrechtskonvention über die Rechte des Kindes. https://headless-live.unicef.de/caas/v1/media/194402/data/3828b8c72fa8129171290d21f3de9c37 [27.05.2025].

Vereinte Nationen (2008): UN-Behindertenrechtskonvention - Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. UN-BRK. https://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Downloads/DE/AS/PublikationenErklaerungen/Broschuere_UNKonvention_KK.pdf?__blob=publicationFile&v=8,.

Partizipation ist ein Querschnittsanliegen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) sowie der UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK). Bei der Umsetzung dieses menschenrechtlichen Grundsatzes sind die Eingliederungshilfe (EGH) sowie die Kinder- und Jugendhilfe (JGH) maßgebliche Akteure, um die volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe von (jungen) Menschen mit Behinderungen an der Gesellschaft zu unterstützen (vgl. hierzu Art. 3 UN-BRK; Art. 12 Abs. 1 UN-KRK; § 90 Abs. 1 SGB IX). Trotz dessen ist eine gleichberechtigte Beteiligung von (jungen) Menschen mit und ohne Behinderung an der Gesellschaft wie auch in den Organisationen der Eingliederungshilfe noch immer keine Selbstverständlichkeit (vgl. hierzu Diehl 2017, S. 9; Hirschberg und Papadopoulos 2017, S. 103; Danner et al. 2017, S. 63). Daran schließt sich demnach die Frage, wie es gelingen kann Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von (jungen) Menschen in organisationalen Strukturen der Leistungserbringenden in der Eingliederungshilfe zu stärken und als integralen Bestandteil zu verstehen.

Das Projekt „Teilhabe stärken - Wir sind zusammen mutig!“ zielte darauf ab, die Beteiligungsmöglichkeiten von (jungen) Menschen mit Behinderung als Expert:innen in eigener Sache in den Diensten der diakonischen Eingliederungshilfe zu verbessern. Im Jahr 2022 haben sich bereits drei Modellorganisationen auf den Weg gemacht, um diesen strukturellen Wandel in der Eingliederungshilfe von einrichtungszentrierter hin zu personenzentrierter Unterstützung zu gestalten und partizipative Strukturen zu etablieren. Dabei sind alle Prozessbeteiligten – Organisationsleitung, Mitarbeitende und Expert:innen in eigener Sache – gleichermaßen beteiligt (vgl. Römhild 2024). In der wissenschaftlichen Begleitforschung wurde an drei Erhebungszeitpunkten mittels 16 teilstrukturierten, problemzentrierten Interviews (vgl. Witzel & Reiter, 1985), drei Fokusgruppeninterviews und einem Fokusgruppenworkshop unter Einbezug aller Prozessbeteiligten untersucht, inwiefern mitbestimmungsförderliche Strukturen entwickelt, umgesetzt und strukturell verankert wurden sowie welche Wirkung die Mitbestimmung von Menschen mit Behinderung als Expert:innen in eigener Sache auf individueller und organisationaler Ebene entfaltet.

Bisherige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich Organisationsstrukturen entwickelt haben, die Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten für Nutzer*innen von Eingliederungshilfeleistungen auf der individuellen, Gruppen- und Organisationsebene zunehmend ermöglichen und nachhaltig etabliert worden, wodurch Teilhabebarrieren abgebaut werden. Vor diesem Hintergrund soll in einem Kurzvortag ein Einblick in die wissenschaftliche Begleitforschung des Projekts „Teilhabe stärken – Wir sind zusammen mutig!“ hinsichtlich der Forschungsfrage, Erhebungs-und Auswertungsmethoden, den partizipativen Elementen im Forschungsprozess und Ergebnissen gegeben werden.

Partizipation ist ein zentrales Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und der UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK). Eingliederungshilfe (EGH) und Kinder- und Jugendhilfe (JGH) tragen maßgeblich dazu bei, die gleichberechtigte Teilhabe von (jungen) Menschen mit Behinderungen zu fördern (vgl. Art. 3 UN-BRK; Art. 12 Abs. 1 UN-KRK; § 90 Abs. 1 SGB IX). Dennoch ist Mitbestimmung in Gesellschaft und Organisationen der EGH keine Selbstverständlichkeit (vgl. Diehl 2017; Hirschberg & Papadopoulos 2017; Danner et al. 2017). Daraus ergibt sich die Frage, wie Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten in Strukturen der Leistungserbringenden gestärkt und als integraler Bestandteil verstanden werden können.

Das Projekt „Teilhabe stärken – Wir sind zusammen mutig!“ verfolgte das Ziel, Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung als Expert:innen in eigener Sache in diakonischen Diensten zu verbessern. 2022 starteten drei Modellorganisationen den Wandel von einrichtungszentrierter zu personenzentrierter Unterstützung und etablierten partizipative Strukturen. Alle Beteiligten – Leitung, Mitarbeitende und Expert:innen – wirkten aktiv mit (vgl. Römhild 2024). Die wissenschaftliche Begleitforschung untersuchte an drei Erhebungszeitpunkten mittels 16 teilstrukturierter Interviews, drei Fokusgruppeninterviews und einem Workshop, inwiefern mitbestimmungsförderliche Strukturen entwickelt, umgesetzt und verankert wurden und welche Wirkung die Mitbestimmung auf individueller und organisationaler Ebene entfaltet.

Ergebnisse zeigen, dass sich Organisationsstrukturen etabliert haben, die Mitbestimmung auf individueller, Gruppen- und Organisationsebene ermöglichen und Teilhabebarrieren abbauen. Der Kurzvortrag gibt Einblick in Forschungsfrage, Methoden, partizipative Elemente und zentrale Ergebnisse der Begleitforschung.

Die künstlerische Bedarfserhebung als co-kreativer Auftakt für inklusive Transformationen
in Kunst und Kultur auf kommunaler Ebene | Romi Domkowsky

Oberhausen stellt sich seit 2023 als Modellkommune für inklusive Kunst und Kultur auf. Idee ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Kunst und Kultur erleben. Dabei sollen attraktive, inklusive Angebote als Teil des regulären Programms von Kultureinrichtungen sowie sozialen Institutionen geschaffen werden. Sie sollen zur Teilhabe und zur Teilgabe einladen.

Im Projekt „Lass mal gemeinsam machen! Inklusives Kulturleben in Oberhausen“ arbeiten inzwischen mehr als 30 Akteur*innen aus Kunst, Kultur, dem Sozialbereich und der Stadtgesellschaft in einem Netzwerk zusammen. Zentraler Bestandteil des Projektes war von Anfang an die Beteiligung.

So wurde auch das Konzept für das Projekt gemeinsam mit Menschen mit Behinderung entwickelt. Dafür wurden auch die Bedarfe kulturinteressierter Menschen mit Behinderung erhoben. Das geschah als künstlerische Feldforschung, zum einen um möglichst Vielen eine Teilhabe in dieser grundlegenden Projektphase zu ermöglichen, zum anderen um im Feld der Kunst und Kultur gegenstandsbezogen zu bleiben und dabei auch im ästhetischen Modus forschen zu können. Forschungsfrage war: Wie nehmen Menschen mit Behinderung Kunst und Kultur in Oberhausen wahr?

Drei Kulturinteressierte, die mit unterschiedlichen Dimensionen von Behinderung leben, besuchten gemeinsam mit anderen Kulturinteressierten (mit unterschiedlichen Behinderungen) Kulturangebote in Oberhausen. Das konnten ihre Lieblingsevents oder -plätze sein oder solche, wo sie noch nie waren. Begleitet wurden diese gemeinsamen Kulturerlebnisse von einem Dokumentarfilmer. Der entstandene Film ist die Basis für die weitere Arbeit der besuchten Kulturorte und eine lebendige Aufforderung dazu, ihre Angebote inklusiver zu gestalten, gleichzeitig ein Empowerment für Menschen mit Behinderung als Kulturinteressierte in Erscheinung treten zu können. Neben Hindernissen und Bedarfen zeigt der entstandene Film vor allem die Kraft und Bedeutung, die im Erleben von Kunst und Kultur liegt.