Themenforen/Forschungswerkstätten (A)

10. September 2026, 13:45–15:15 Uhr

A1. Themenforum Politik & Planung: Herausforderungen und Perspektiven in der kommunalen Aktionsplanung zur Umsetzung der UN-BRK

Buzzword oder Innovation? – Herausforderungen und Perspektiven in der kommunalen Aktionsplanung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.


Seit dem Beschluss der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) durch die Vereinten Nationen vor 20 Jahren hat dieses menschenrechtliche Übereinkommen neben vielen kontrovers geführten gesellschaftlichen Diskussionen auch konkrete Veränderungsprozesse auf kommunaler Ebene ausgelöst. Von den größeren Kommunen Deutschlands haben bis jetzt 41 % Planungen zur Umsetzung der UN-BRK unternommen, was in einer bundesweiten Untersuchung erfasst werden konnte (vgl. Bertelmann et al. 2024 S. 8). Diese Studie und weitere aktuelle Forschungen (vgl. Kempf 2024; Bertelmann i. E.; Laub 2021) machen deutlich, dass den großen Erwartungen und einem intensiven Engagement von Menschen mit Behinderungen gleichzeitig auch eine große Unsicherheit bei der Durchführung solcher Veränderungsprozesse gegenübersteht.

Das Themenforum nähert sich der kommunalen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aus drei Perspektiven an. Beitrag 1 betrachtet die UN-BRK als ‚soziale Innovation‘. Diskutiert werden Stolpersteine, Gelingensbedingungen einer planerischen Herangehensweise und – davon ausgehend – Anknüpfungspunkte für die kommunale Praxis. Beitrag 2 schließt mit einem Blick in den ‚Maschinenraum‘ kommunaler Umsetzungsaktivitäten an. Zentral ist dabei die Auseinandersetzung mit der in der Kommunalverwaltung bestehenden Spannungslinie zwischen Bürokratie und Teilhabe/Partizipation. Beitrag 3 widmet sich der Diversität der Personengruppe der Menschen mit Behinderung im Zusammenhang mit der Verwirklichung direkter Partizipation. Aufgegriffen werden Ergebnisse aus dem laufende Forschungsprojekt SMILE, das sich mit dem Personenkreis der chronisch suchtkranken Menschen befasst.

1. Die UN-BRK als Innovation!? Stolpersteine und förderliche Faktoren kommunaler Planungen | Matthias Kempf

Ausgehend von den oben erwähnten Ergebnissen der bundesweiten Studie zu systematischen Planungsaktivitäten auf kommunaler Ebene (Bertelmann et al. 2024) sowie einer Fallanalyse eines solchen Planungsprozesses (Kempf 2024) bietet die Diskussion der erfassten Stolpersteine und Gelingensbedingungen Anknüpfungspunkte sowohl für die Reflexion der praktischen Gestaltung von Strukturen und Verfahren in Kommunen als auch für theoretische Konzepte. Im Zentrum steht dabei der Begriff der (sozialen) Innovation selbst, der als „buzzword“ (Strünck 2017, 317) vor allem Aufmerksamkeit erzeugt. Die Betrachtung der Begriffe (Inklusion, Partizipation, etc.) in den entstandenen örtlichen Debatten als Grenzobjekte (Star & Griesemer 2017) erwies sich in den Untersuchungen als hilfreich, um die Ambivalenz einer von der UN-BRK entkoppelten Begriffsverwendung deutlich zu machen. Inwieweit der Innovationsbegriff auch pragmatisch nutzbar gemacht werden kann, wird an dem auf technischen Innovationen aufbauenden Diffusionskonzept von Rogers (2003) verdeutlicht. Insgesamt erscheint es notwendig Konzepte zu finden, die den komplexen Veränderungsbedarfen gerecht werden, das dynamische Geschehen erfassen können und bei der Wahl pragmatischer Umsetzungsschritte unterstützen können.

Literatur
Bertelmann, Lena; Butschkau, Malin; Kempf, Matthias & Rohrmann, Albrecht (2024). Die Verbreitung systematischer Planungsaktivitäten zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen. Erster Zwischenbericht zum Forschungsprojekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘ (04/2024). Siegen.

Kempf, Matthias (2024): Soziale Innovation durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Fallanalyse einer kommunalen Inklusionsplanung. Springer Fachmedien Wiesbaden; Imprint Springer VS (Beiträge zur Teilhabeforschung).

Rogers, Everett M. (2003): Diffusion of innovations. 5. Auflage. New York, NY (u.a.): Free Press.

Star, Susan Leigh; Griesemer, James R. (2017): Institutionelle Ökologie, ›Übersetzungen‹ und Grenzobjekte. Amateure und Professionelle im Museum of Vertebrate Zoology. In: Sebastian Gießmann und Nadine Taha (Hg.): Grenzobjekte und Medienforschung. Bielefeld: transcript (Locating media, Band 10), S. 81–116.

Strünck, Christoph (2017): Experimentelle Sozialpolitik. Ein Kampf gegen Kostenträgerlogik und Fragmentierung im deutschen Wohlfahrtsstaat. In: Fabian Hoose, Fabian Beckmann und Anna-Lena Schönauer (Hg.): Fortsetzung folgt. Kontinuität und Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 309–325

2. Im ‚Maschinenraum‘: Verwaltungsorganisation als Herausforderung kommunaler Aktivitäten und Planungen zur Umsetzung der UN-BRK – aufgezeigt an operativ Verantwortlichen | Lena Bertelmann

Die Ratifizierung der UN-BRK bildete den Ausgangspunkt für die Entwicklung politischer Programme für alle Ebenen des Staates – einschließlich der kommunalen Ebene. Aufgrund der Selbstverwaltungsgarantie (Art. 28 Abs. 2 GG) sowie angesichts der kommunalen Aufgabenvielfalt kann die Kommunalverwaltung grundsätzlich erhebliche Entscheidungsbeiträge zur Politikgestaltung leisten und verfügt über beträchtliche Gestaltungsspielräume bei der Politikumsetzung (vgl. Bogumil & Jann 2020: 236, 227).
Hinsichtlich ihrer Organisiertheit weist die deutsche Kommunalverwaltung ungeachtet Reformen bis heute die klassischen Merkmale bürokratischer Organisation auf (vgl. Kuhlmann & Bogumil 2019; Bogumil & Jann 2020: 175; Weber 1922/1972). Arbeitsteilung, Beständigkeit sowie Verwaltungszentrierung bzw. Skepsis ggü. Beteiligung stehen Teilhabe als Querschnittsaufgabe, der UN-BRK als potenzielle Innovation und Unsicherheit sowie dem Partizipationsanspruch aus der Konvention gegenüber und versetzen die Federführung kommunaler Planung in Spannung.

Diese Spannungslinie zwischen Bürokratie und Teilhabe/Partizipation wird diskutiert an Personen, die in Kommunalverwaltungen operativ hauptverantwortlich für Umsetzungsaktivitäten zur UN-BRK sind. Diese stehen selbst – so zeigt eine Forschungsarbeit (vgl. Bertelmann i. E.) – in dem Spannungsfeld, das zwischen den Ansprüchen, die mit der Umsetzung der UN-BRK auf kommunaler Ebene einhergehen (Außen) und der Verwaltung mit bürokratischen Eigenschaften, die mit den äußeren Ansprüchen konfligieren (Innen), entsteht. Im Beitrag wird nachgezeichnet, dass den Hauptverantwortlichen hier zentrale Bedeutung zukommt, die bürokratischen Interessen der Verwaltung sowie den Anspruch auf Partizipation zu verhandeln.

Der Beitrag zeigt Implikationen auf, die sich auf die Ausstattung von organisatorisch Hauptverantwortlichen als Schlüsselfiguren der Federführung kommunaler Planung durch die Kommunalverwaltung richten.

Literatur:
Bertelmann, Lena (i. E.): Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf kommunaler Ebene – Aufgabe (in) der Kommunalverwaltung. [Dissertationsschrift]

Bogumil, Jörg & Jann, Werner (2020): Verwaltung und Verwaltungswissenschaft in Deutschland. Eine Einführung. 3., vollst. überarb. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

Kuhlmann, Sabine & Bogumil, Jörg (2019): Neo-Weberianischer Staat. In: Veit, Sylvia; Reichard, Christoph & Wewer, Göttrik (Hrsg.): Handbuch Verwaltungsreform, 5., vollst. überarb. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 139-151

Vierter Kongress der Teilhabeforschung – 10. bis 11.September 2026 in Siegen
20 Jahre UN-BRK – Herausforderungen für eine gleichberechtigte Teilhabe auf lokaler
Ebene weltweit

Weber, Max (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., revidierte Aufl. besorgt von Johannes Winckelmann. Tübingen: J. C. B. Mohr

3. Einheit in Vielfalt: Diversität als Herausforderung kommunaler Aktionsplanung – aufgezeigt am Beispiel suchtkranker Menschen | Matthias Laub, Tove Emmert, Anna Fuchs

Leitmotiv der UN-BRK ist die diskriminierungsfreie Verwirklichung von direkter Partizipation im Sinne einer barrierefreien Infrastruktur, eines selbstverständlichen sozialen Teil-Seins sowie einer aktiven bürgerschaftlichen Mitwirkung im Sozialraum (vgl. Degener 2015: 59f.; von Kardorff 2010: 267; Schäfers 2013, S. 102). Hierfür ist die kommunale Aktionsplanung weiterhin die zentrale Handlungsstrategie (vgl. Deutscher Verein 2011: 4ff.). Durch adäquate Partizipationsinstrumente und tragfähige Kooperations- bzw. Kommunikationsformen soll sichergestellt sein, dass sich möglichst alle Menschen mit Behinderungen im Sozialraum angesprochen fühlen, so dass sich Vielfalt abbildet (vgl. Deutscher Verein 2011: 4ff; Rund 2011: 90; Deutscher Verein 2012: 6; Welti 2011: 60f.).

Dass dies nicht besonders gut gelingt, zeigt nicht nur eine aktuelle Untersuchung bundesweiter Planungsaktivitäten (Bertelmann/Butschkau et al. 2025), sondern auch ein Forschungsprojekt von Laub (vgl. 2021). Hier zeigte sich, dass die Adressierung von Menschen mit einer psychischen Behinderung vor allem an einer Bereitschaft zur Befriedigung heterogener menschlicher Bedürfnisse bzw. zur demokratischen Verhandlung diverser Lebenswirklichkeiten scheitert (vgl. a.a.O.: 187-199).
Daher geht der Beitrag der Frage nach, wie diese „Einheit in Vielfalt“ gelingen kann, wenn bei der kommunalen Aktionsplanung zur Umsetzung der UN-BRK nicht „neue Orte des Ausschlusses“ entstehen sollen (Munsch 2003: 7). Diese zentrale Herausforderung wird diskutiert am Personenkreis der chronisch suchtkranken Menschen, mit denen sich das laufende Forschungsprojekt SMILE (Suchtkranken Menschen inklusives Leben ermöglichen) befasst. Es wird deutlich gemacht, dass es sich bei suchtkranken Menschen um einen Personenkreis handelt, dem die Anerkennung als verweigert wird. Aus aktuellen, in dem Beitrag vorgestellten Ergebnissen eines Scoping Reviews werden Implikationen für die Gestaltung von Diversität als zentrale Herausforderung der Umsetzung der UN-BRK herausgearbeitet.

Literatur:
Bertelmann, Lena; Butschkau, Malin; Kempf, Matthias; u. a. (2025): Vertiefende Untersuchungen von systematischen Planungsaktivitäten zur Umsetzung der UN-BRK in Kommunen. Zweiter Zwischenbericht zum Forschungsprojekt ‚UN-Behindertenrechtskonvention in den Kommunen‘., Siegen.

Degener, Theresia (2015): Die UN-Behindertenrechtskonvention - ein neues Verständnis von Behinderung., in: Theresia Degener und Elke Diehl (Hrsg.), Handbuch Behindertenrechtskonvention: Teilhabe als Menschenrecht - Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung), S. 55–74.

Vierter Kongress der Teilhabeforschung – 10. bis 11.September 2026 in Siegen
20 Jahre UN-BRK – Herausforderungen für eine gleichberechtigte Teilhabe auf lokaler
Ebene weltweit

Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.) (2011): Eckpunkte des deutschen Vereins für einen inklusiven Sozialraum., Berlin.

Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.) (2012): Empfehlungen zur örtlichen Teilhabeplanung für ein inklusives Gemeinwesen., Berlin.

Kardorff, Ernst von (2010): Evaluation beteiligungsorientierter lokaler Enabeling Community-Projekte., in: Stefan Kurzke-Maasmeier (Hrsg.), Enabling Community - Anstöße für Politik und soziale Praxis, 1. Aufl., Hamburg: Alsterdorf-Verl., S. 263–275.

Laub, Matthias (2021): Der inneren Existenz Raum geben: Partizipation von Menschen mit psychischer Behinderung in Prozessen Örtlicher Teilhabeplanung, Weinheim: Beltz.

Munsch, Chantal (Hrsg.) (2003): Sozial Benachteiligte engagieren sich doch: Über lokales Engagement und soziale Ausgrenzung und die Schwierigkeiten der Gemeinwesenarbeit, Weinheim; München: Juventa Verlag (Dresdner Studien zur Erziehungswissenschaft und Sozialforschung).

Rund, Mario u. a. (2011): Kommunale Teilhabeplanung im Kontext Integrierter Sozialraumplanung., in: Dorothea Lampke (Hrsg.), Örtliche Teilhabeplanung mit und für Menschen mit Behinderungen: Theorie und Praxis, 1. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 89–104.

Schäfers, Markus (2013): Barrieren im Sozialraum – ein Kommentar, in: Ulrich Becker, Elisabeth Wacker, und Minou Abanfsche (Hrsg.), Inklusion und Sozialraum. Behindertenrechte und Behindertenpolitik in der Kommune., Baden-Baden: Nomos (Studienn aus dem Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik.), S. 101–105.

Welti, Felix (2011): Rechtliche Grundlagen einer örtlichen Teilhabeplanung., in: Dorothea Lampke (Hrsg.), Örtliche Teilhabeplanung mit und für Menschen mit Behinderungen: Theorie und Praxis, 1. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55–67.

A2. Themenforum Arbeit: Chancen des Zugangs zum Arbeitsmarkt verbessern

Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Behinderungen. Ergebnisse eines systematischen Reviews | Benjamin Görgen, Alisa Hahn, Sandra Kirvel, Nicole Stollenwerk

Wie einschlägige Studien und Berichte belegen, sind Frauen mit Behinderungen auch mehr als 15 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention bezüglich ihrer Teilhabe am Arbeitsleben weiter be-nachteiligt und intersektionalen Diskriminierungen ausgesetzt (z. B. Aktion Mensch e.V. & SINUS-Institut, 2021; BMAS 2021; MAGS NRW et al. 2025). Zugleich ist das Wissen zu den genauen Ursachen und Zusammenhängen dieser Benachteiligungen sowie den Wirkungen sozialpolitischer Maßnahmen unzureichend.

Vor diesem Hintergrund hat das LWL-Inklusionsamt Arbeit das Forschungsprojekt power – Potenziale weiblicher Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Behinderung entwickeln ausgeschrieben und FOGS mit der Umsetzung be-auftragt. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Betrachtung der Einflussfaktoren auf die Teilhabe am Arbeits-leben bei Frauen mit Behinderungen sowie die Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung von Unterstützungsangeboten, die dazu beitragen können, die Teilhabechancen von Frauen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu verbessern.

Ein erster zentraler Arbeitsschritt des Projekts bestand in der Erstellung eines systematischen Überblicks über relevante Fachliteratur der letzten 15 Jahre zum Thema Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Behinderungen. FOGS setzte die Literaturrecherche und -auswertung als systematisches Review um, das sich an den Kriterien des PRISMA 2020 Statements orientiert (Page et al., 2021).

Die Ergebnisse bestätigen die Benachteiligung von Frauen mit Behinderungen sowie die damit verbundenen Unterstützungsbedarfe bei der beruflichen Teilhabe. Zugleich werden die Vielfalt und Heterogenität der Frauen sowie ihrer Lebenslagen deutlich. So spielen etwa die Lebensphase, in der sich die Frauen befinden ebenso eine große Rolle für die spezifische Situation wie individuellen Aspirationen, der Bildungsstand, die Wohn- und Le-benssituation oder die Frage, wann die Behinderung im Lebensverlauf auftrat.

Literatur
Aktion Mensch e.V. & SINUS-Institut (2021). Situation von Frauen mit Schwerbehinderung am Arbeitsmarkt. Studie zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Teilhabe am Erwerbsleben. https://delivery-aktion-mensch.stylelabs.cloud/api/public/content/studie-frauen-mit-behinderung-auf-dem-arbeits-markt.pdf?v=d06c3de9

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021). Dritter Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebens-lagen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Teilhabe – Beeinträchtigung – Behinderung 2021. https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/a125-21-teilhabebe-richt.pdf?__blob=publicationFile&v=7

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (2025). Zweiter Teilhabebe-richt Nordrhein-Westfalen. Bericht zur Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen und zum Stand der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. https://www.mags.nrw/system/files/me-dia/document/file/teilhabebericht_nrw_langfassung_barrierefrei.pdf

Page, M.J., McKenzie, J.E., Bossuyt, P. M., Boutron, I., Hoffmann, T. C., Mulrow, C. D., Shamseer, L., Tetzlaff, J. M., Akl, E. A., Brennan, S. E., Chou, R. Glanville, J., Grimshaw, J. M., Hróbjartsson, A., Lalu, M. M., Li, T. Lo-der, E. W., Mayo-Wilson, McDonald, S., Moher, D. (2021). The PRISMA 2020 statement: an updated guide-line for reporting systematic reviews. In BMJ 2021,372,n71. http://dx.doi.org/10.1136/bmj.n7

Das inklusive Work-Redesign in Zeiten des Fachkräftemangels: Neue Teilhabechancen nutzen | Henny Mulders, Bert Wagener

Das IWR ist ein vielschichtiger Ansatz, der weit über die Anpassungen der einzelnen Arbeitsplätze auf die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen hinausgeht. Es handelt sich dabei um einen umfassenden Prozess, der darauf abzielt, Arbeitsplätze, Arbeitsprozesse und Unternehmenskulturen so zu gestalten, dass sie die Bedürfnisse und Potenziale von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen besser berücksichtigen und fördern. Das IWR nimmt den Betrieb und den Arbeitsmarkt als Ganzes in den Fokus, anstatt bestehende Stellen anzupassen und umzuverteilen.

Seinen Ursprung hat das Konzept in den Niederlanden wo es unter dem Namen „Inclusive Work Re-Design Methode“ seit Jahren mit Erfolg betrieben wird1. Dieser Ansatz zielt nicht nur auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit ab, sondern eröffnet auch eine Möglichkeit, die Innovationskraft und Produktivität von Verwaltungen und (kommunalen) Unternehmen zu steigern. Hierbei sollen die vielfältigen Fähigkeiten und Fertigkeiten aller Mitarbeitenden genutzt werden. Dabei steht beim inklusiven Re-Design der „Betrieb“ und die öffentlichen Arbeitgeber als Organisation im Vordergrund. Gleichzeitig kann der sich immer stärker auswirkende Fachkräftemangel in den Fokus gerückt werden. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist das auf dem Arbeitsmarkt vorhandene Arbeitskräftepotzenzial bei weitem nicht mehr ausreichend um Engpässe aufzufangen oder zu verhindern. Darüber hinaus nehmen die Dienstleitungen immer weiter zu.

Eine besondere Rolle kann die Gruppe der nicht arbeitenden Menschen mit Behinderungen einnehmen um diese Lücken zu füllen und Tätigkeiten zu übernehmen. Durch den Fokus auf die Organisation des Betriebes im Ganzen kann als Folge eine Umverteilung der anfallenden Arbeiten stattfinden. Dies bringt der Organisation und der Belegschaft in Ihrer Gesamtheit Vorteile.

Es hat sich erwiesen, dass Arbeitsuchende mit Behinderungen unterstützende Tätigkeiten ausüben können, damit sich die knappen Fachkräfte den fachlichen Kernaufgaben widmen können. Es gibt zahlreiche Beispiele aus den Niederlanden und Deutschland. Im Rahmen von verschiedenen studentischen Forschungsprojekten wurde der Bedarf und die Akzeptanz des Ansatzes in Betrieben und Organisationen unterschiedlicher Branchen und bei öffentlichen Arbeitgebenden validiert.

So erfolge der Einsatz in kommunalen Krankenhäusern in den Niederlanden und es erfolgt eine Beratung von unterschiedlichen Städten insbesondere in NRW. Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Ansatz eine deutliche Verbesserung der Bedingungen auf unterschiedlichen Ebenen mit sich bringt: den bisherigen Arbeitskräften, den Betrieben und den Menschen mit Behinderungen, denen sich neue Teilhabemöglichkeiten bieten.
Das Projekt zeigt den Nutzen von internationaler Zusammenarbeit im Sinne von Artikel 32 der UN-BRK sowie den Nutzen für die Betriebe und Betroffenen auf.

Zu den Personen:
Drs. Henny Mulders: hat seine Laufbahn als Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Groningen im Untersuchungsbereich „Arbeit und Gesundheit“, insb. „workstress of city busdrivers“, gestartet. Danach war er als Projektleiter im Bereich der niederländischen Sozialversicherung (UWV) tätig. Seine Schwerpunkte galten insb. der Methodenentwicklung zur Standardisierung von Gutachten über Erwerbsunfähigkeit (Assessment), Ausbildung und Coaching von Arbeitsexperten und „Versicherungsärzten“. Es erfolgte die Entwicklung des Ansatzes der Inklusive Arbeitsorganisation in Zusammenarbeit mit der Universität Maastricht. Mitgründung des Zentrums für Inklusive Arbeitsorganisation (2016), seitdem tätig als Berater Inklusive Arbeitsorganisation in unterschiedlichen Branchen.

Prof. Dr. Bert Wagener: Bert Wagener hat als Dipl.-Verwaltungswirt und Psychologe in unterschiedlichen Bereichen der öffentlichen Verwaltung gearbeitet. Neben dem Aufbau der „Koordinierungsstelle Gesundheitsmanagement“ bei der KBS in Bochum und der Tätigkeit als Professor u.a. für den Bereich „Arbeit und Gesundheit“ an der Hochschule der gesetzlichen Unfallversicherung. In zahlreichen Forschungsprojekten und einschlägigen Seminaren hat sich Herr Wagener mit den kommunalen Belangen auseinandergesetzt. Seit einigen Jahren ist er als Beigeordneter für ca. 400 Mitarbeitende verantwortlich und kennt die Notwendigkeiten in den Kommunen aus eigener Anschauung.

Für einen inklusiven Arbeitsmarkt: I-AM - ein Forschungsvorhaben zum Potential der Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) | Sebastian Ehlen, Julia Klinger, Jessica Klein, Noémie Monteils, Miriam Martin

Ausgangslage und Fragestellung: Die UN-BRK hebt das Recht auf Arbeit für Menschen mit Behinderungen als eines der zentralen Teilhabefelder hervor. Zwar formuliert Artikel 27 kein Recht auf Arbeit, aber ein gleiches Recht auf Arbeit. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass die Arbeitslosenquote bei Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung und Gleichstellung höher (2024: 11,6 % vs. 7,3 %; Bundesagentur für Arbeit 2025) und auch die durchschnittliche Dauer ihrer Arbeitslosigkeit länger ist.

Um mehr Arbeitgebende gezielt für die Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung zu gewinnen, wurde im Rahmen des Teilhabestärkungsgesetzes im Jahr 2022 mit den EAA ein flächendeckendes Informations- und Beratungsangebot beschlossen (§ 185a). Verantwortlich für die Einrichtung sind die Inklusions-/Integrationsämter; finanziert werden die EAA aus der Ausgleichsabgabe. EAA sollen Arbeitgebende proaktiv und trägerunabhängig informieren sowie bei der Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung beraten und unterstützen.

Im Rahmen des Verbundprojekts „Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts: Rolle und Stellenwert der
Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) und der Beratung der Arbeitgebenden“ (I-AM) untersuchen wir explorativ und evaluierend, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise die EAA einen Beitrag zur Förderung der Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt leisten. Forschungsfragen des bundesweit angelegten Projektes sind u. a.: Wie sind die Rahmenbedingungen, Vorgehensweisen, Aktivitäten der EAA zur Erfüllung ihrer Aufgaben? Welche Angebote bieten die EAA für Arbeitgebende und wie gestaltet sich die konkrete Umsetzung?

Inhaltliche und methodische Gestaltung:
Aus dem laufenden Projekt werden drei Impulse gegeben:
1) Ergebnisse einer Literaturrecherche zur Beschäftigungssituation von Menschen mit Schwerbehinderung
2) Implikationen bundeslandspezifischer Rahmenbedingungen für die Beratung von Arbeitgebenden
3) Perspektive von EAA-Beratenden auf Grundlage von Interviews

Auf Grundlage der ersten Erkenntnisse des Forschungsvorhabens wird eine Gesprächsrunde geöffnet, bei der Teilnehmende ihre Einschätzungen, Erfahrungshintergründe und konzeptionellen Assoziationen einbringen, mit zentralen Aspekten wie:

  • Welchen Beitrag können EAA leisten, um die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Schwerbehinderung zu erhöhen?
  • Worin liegen zentrale Ansätze für eine erfolgreiche Arbeit der EAA?
  • Worauf kommt es an, u. a. bei der Ansprache von Arbeitgebenden oder dem Zusammenwirken mit anderen relevanten Stellen?

Ergebnissicherung: Die Diskussionsergebnisse werden gemeinsam digital festgehalten, sodass Ergebnisse

A3. Themenforum Arbeit: Role Modells

Träume, Visionen und Machbarkeiten – Pädagogische Fachkraft mit Trisomie 21 | Ulrike Barth, Charlotte Henning

Charlotte Henning lebt mit Trisomie 21 und möchte seit ihrer Jugend gerne pädagogisch arbeiten. Anhand ihrer bisherigen Bildungsbiografie zeigt sich, welch aufwändiges privates Engagement es auch 20 Jahre nach Ratifizierung der UN-BRK immer noch benötigt, um nach dem Abschluss der 10. Klasse einer inklusiven Gemeinschaftsschule dem persönlichen Wunsch entsprechend schulisch inklusiv eine Berufsausbildung – in ihrem Fall eine Qualifizierung als pädagogische Fachkraft – antreten zu können. In Deutschland gibt es bislang für Menschen mit Trisomie 21 keine adäquate, regulär verankerte Ausbildungs-möglichkeit zur pädagogischen Fachkraft, während in Österreich und der Schweiz bereits erprobte Modelle bestehen (Labhart et al., 2021).

Ausgehend von § 24 UN-BRK fragen wir, welche strukturellen, rechtlichen und kulturellen Barrieren einer gleichberechtigten Teilhabe an fachschulischer Ausbildung auf lokaler Ebene entgegenstehen und welche Bedingungen lokale Akteur*innen (Schulen, Fachschulen, Träger, Kommunen) schaffen müssen, um inklusive Ausbildungswege zu ermöglichen. Anhand der einzelnen Abschnitte des § 24 der UN-BRK deklinieren wir zentrale Problemstellungen (Zugang, Unterstützung, angemessene Vorkehrungen, Übergang in Arbeit) und diskutieren sie mit Blick auf unsere ersten Ergebnisse aus Charlottes Forschungsprojekt sowie internationalen Beispielen guter Praxis.

Durch Charlottes partizipatives Forschungsprojekt in Kooperation mit Studierenden der Alanus Hochschule werden Barrieren und Gelingensbedingungen aus Sicht einer jungen Frau mit Trisomie 21 rekonstruiert. Die bisherigen Ergebnisse weisen nach, welche Chancen und Herausforderungen bestehen, inklusive fachschulische Ausbildung vor Ort zu ermöglichen, und leiten konkrete Empfehlungen für lokale Bildungspolitik, Schul- und Trägerentwicklung ab. Der Beitrag ist dialogisch angelegt, wir freuen uns über Austausch und Diskussion.

Literatur:
Labhart, D.; Müller Bösch, C. & Gubler, M. (Hrsg.) (2021). écolsiv – Schule inklusiv Ein Hochschulprogramm inklusiver Bildung. Edition SZH/CSP.

NETZWERK ARTIKEL 3 e.V. (2018). Korrigierte Fassung der zwischen Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz abgestimmten Übersetzung Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Schattenübersetzung des NETZWERK ARTIKEL 3 e.V. (https://www.nw3.de/attachments/article/130/BRK-Schattenuebersetzung-3-Auflage-2018.pdf).

Roth, A.-S. (2025). Inklusive Ausbildungswege: Herausforderungen und Ressourcen für Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz Exemplarisch am kommunalen Kindergarten in H.. Masterarbeit (unveröffentlicht).

Stoltenberg, M.-C. (2025). Inklusive Berufsausbildung Eine qualitativ-empirische Analyse der Herausforderungen und Chancen im Entstehungsprozess einer inklusiven Berufsausbildung am Beispiel der Ausbildung zur Sozialassistenz an der Freien Fachschule für Sozialpädagogik Mannheim. Bachelorarbeit (unveröffentlicht).

How to be a role model? Führungskräfte mit Behinderungen als Role Models für Inklusion | Karoline Rhein, Rebecca Groß, Jana Buckermann, Lea Helmrich, Jana Bauer, Mathilde Niehaus

Fragestellung
Role Models gelten als wichtige Ressource im Arbeitsleben, indem sie als Repräsentation des Möglichen und als konkrete Verhaltensmodelle dienen (Beigi et al., 2025). Doch gibt es aktuell kaum sichtbare Role Models mit Behinderungen im Arbeitsleben, denn auch 20 Jahre nach Verabschiedung der UN-BRK können Menschen mit Behinderungen nicht gleichberechtigt am Arbeitsleben teilnehmen. Das Projekt „Vorbildlich in Führung gehen!“ soll Unternehmen dabei unterstützen, Führungskräfte mit Behinderungen als Role Models zu stärken und sichtbar zu machen. Dabei werden auch die Perspektiven und Erfahrungen von Führungskräften mit Behinderungen als potentielle Role Models hinsichtlich Herausforderungen und Gelingensbedingungen in der Rolle als Role Model erforscht.

Methode
Aufbauend auf einer Literatur-Recherche wurden acht Fokusgruppendiskussionen mit Bewerbenden, Beschäftigen und Führungskräften mit Behinderungen sowie betrieblichen Akteur*innen mit/ohne Behinderungen durchgeführt (N = 32). Davon acht Führungskräfte mit Behinderungen. Die Daten wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022) ausgewertet.

Ergebnisse
Die Teilnehmenden diskutierten verschiedene Aspekte hinsichtlich der Perspektive ein betriebliches Role Model zu werden. Zum einen wurden Befürchtungen geäußert, dass eine erhöhte Sichtbarkeit als Person mit Behinderung zu (mehr) Diskriminierung führt, insbesondere, wenn Unternehmenskultur nicht als inklusiv erlebt wird. Zum anderen hatten die Teilnehmenden jedoch auch den Wunsch sichtbar(er) zu werden, um positive Erfahrungen weiterzugeben oder das Role Model für andere zu sein, dass sie selbst nicht hatten.

Diskussion
Die Ergebnisse zeigen, dass die verstärkte Sichtbarkeit als Role Model eine zentrale Herausforderung für Führungskräfte mit Behinderung darstellt. Unternehmen sollten dem begegnen, indem sie unterstützende Rahmenbedingungen schaffen und sie an allen Entscheidungen über ihre Sichtbarkeit beteiligen.

Wer profitiert von Role Models mit Behinderungen im Arbeitskontext? | Lea Helmrich, Karoline Rhein, Jana Bauer, Jana Buckermann, Rebecca Groß, Mathilde Niehaus

Fragestellung
Vorbilder gelten als wichtige Ressource im Arbeitsleben (Morgenroth et al., 2015), doch für Menschen mit Behinderungen fehlen oft sichtbare Role Models. Im Projekt „Vorbildlich in Führung gehen!“ wollen wir daher Führungskräfte mit Behinderungen gezielt als potentielle Role Models sichtbar machen, um Beschäftigte und Bewerbende mit Behinderungen zu stärken. Dieser Beitrag blickt darauf, wer von Role Models wirklich profitiert und unter welchen Bedingungen.

Methode
In jeweils zwei Fokusgruppendiskussionen mit Bewerbenden (N=9/N=5) und Beschäftigten (N=8/N=5) mit Behinderungen wurden bisherige Erfahrungen mit Vorbildern im Arbeitsleben sowie Wünsche und Erwartungen an potentielle Vorbilder diskutiert. Die Gruppen wurden gezielt heterogen zusammengestellt (Branche, Art der Behinderung). Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022).

Ergebnisse
Es zeigen sich drei Gruppen: (1) Personen, die aktiv nach Role Models suchen, (2) Personen, die offen sind, sich von Role Models inspirieren zu lassen, jedoch nicht aktiv suchen, sowie (3) Personen, die keinen Bedarf an Role Models haben bzw. davon ausgehen, dass niemand mit ihnen vergleichbar ist. Die grundsätzlich Offenen (Gruppen 1 und 2) haben verschiedene Erwartungen an Role Models, dabei ist generell wichtig, dass sie eine Ähnlichkeit zwischen sich und dem Role Model wahrnehmen können (z. B. geteilte Erfahrungen).

Diskussion
Von Role Models mit Behinderungen profitieren Beschäftigte und Bewerbende, die entweder aktiv nach Vorbildern suchen oder offen für Inspiration sind. Letztere können als „neue Zielgruppe“ gewonnen werden. Je mehr verschiedene Führungskräfte mit Behinderungen sichtbar werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass viele Beschäftigte und Bewerbende ein passendes Role Model finden.

A4: Themenforum Schule & Ausbildung: Übergänge Schule – Beruf

Lebenswirklichkeiten junger unterstützt kommunizierender Erwachsener mit komplexen Beeinträchtigungen im Übergang Schule – Beruf: Erkenntnisse aus der Wissenschaft Soziale Arbeit | Tanja Schenck zu Schweinsberg

Fragestellung:
Junge erwachsene Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen wurden zu ihren Erfahrungen der Beteiligung an Bildung, Arbeit wie sozialer Gemeinschaft als auch (miss-) gelingender Kommunikation im Zuge des Wechsels zu nachschulischen Bildungsorten befragt.
Welche Kontextfaktoren im Transitionsprozess (inklusive) Schule - weiterführende Schule/Schule – Beruf sind für selbstbestimmte Kommunikation und Teilhabe an Bildung/Arbeit/Beruf wesentlich aus Perspektive von Expertinnen in eigener Sache?

Methode:
Ein breit angelegtes multiperspektivisches Studiendesign (teilnehmende Beobachtungen, soziale Netzwerkanalysen, videogestützte Interviews, Befragungen naher Vertrauens- und Bezugspersonen) aus der Wissenschaft Soziale Arbeit brachte Erkenntnisse zu förderlichen und hinderlichen Faktoren der Kommunikation und der Teilhabe an Bildung, Arbeit und sozialer Gemeinschaft aus Perspektive der Betroffenen hervor. Denn es gelang durch Anwendung von Technologien der Unterstützten Kommunikation (UK) sechs UK-Nutzende vor und nach dem Wechsel der Bildungsorte selbst zu befragen (Schenck zu Schweinsberg 2025, 2022).

Ergebnisse:
Ihre Meinungen und Wünsche als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder geben Anlass, professionelle Akteurinnen der Pädagogik und der Sozialen Arbeit für eine nachhaltige Kommunikationsunterstützung zu sensibilisieren. Denn darin liegen u.a. Potentiale der (Aus-)bildungsbeteiligung einer oftmals von Marginalisierung betroffenen Gruppe unserer Gesellschaft. Schließlich lässt sich angewandte UK-Methodik im Kontext handlungstheoretischer Ansätze der „Daseinsmächtigen Lebensführung“ (Röh 2013) und der „Lebensweltorientierung“ (Thiersch 1992) als Schlüssel für gelingendere Lebensführung und (Aus-)Bildungsbeteiligung definieren, indem professionelle Akteur*innen diese in der Praxis pädagogischer und sozialer Arbeit zur Anwendung bringen (Schenck zu Schweinsberg 2025).

Diskussion:
Wie können gelingende berufliche Übergänge gestaltet und Kommunikationsbrüche verhindert werden? Wie können nachschulische Ermöglichungsräume und Betätigungsmöglichkeiten durch UK-Angebote und damit Chancen der beruflichen Teilhabe für die Zielgruppe geschaffen und zu inklusiven (Aus-)Bildungsangeboten weiterentwickelt werden? Diese diskussionsleitenden Fragestellungen mit dem Plenum schließen an die Ergebnispräsentation eines abgeschlossenen Promotionsforschungsprojektes an.

Literatur:
Röh, Dieter (2013): Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben. Eine Handlungstheorie zur daseinsmächtigen Lebensführung. Wiesbaden: Springer VS

Schenck zu Schweinsberg, Tanja Freifrau (2022): Zur Bedeutung von Unterstützter Kommunikation für die Teilhabeforschung im Kontext der Befragung junger Erwachsener mit komplexen Kommunikationsbeeinträchtigungen – Erkenntnisse zur Interviewmethodik am Beispiel einer Fallstudie. In: Wansing, G., Schäfers, M. & Köbsell, S. (Hrsg.): Teilhabeforschung – Konturen eines neuen Forschungsfeldes. Wiesbaden: Springer VS, S. 247-262. Open Access:
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-38305-3_13

Schenck zu Schweinsberg, Tanja Freifrau (2025): Beteiligt durch Unterstützte Kommunikation. Persönliche Teilhabe und Barrieren junger Erwachsener mit komplexen Beeinträchtigungen im Übergang Schule – Beruf. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. Open Access: DOI: https://doi.org/10.35468/6195

Thiersch, Hans (1992): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Weinheim, München: Beltz Juventa

Biografie:
Dr. phil. Tanja Freifrau Schenck zu Schweinsberg
Promovierte Sozialarbeitswissenschaftlerin, M.A. Soziale Arbeit, staatlich anerkannte Sozialpädagogin, staatlich geprüfte Ergotherapeutin, autorisierte Fachreferentin der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e.V.

Berufsbildung für Menschen mit wesentlichen intellektuellen Behinderungen | Gregor Renner, Hannah Speth

Fragestellung:
Wie kann jungen Menschen mit wesentlichen intellektuellen Behinderungen eine Berufsbildung für den allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglicht und so ein Besuch der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) vermieden werden? Welche Rolle spielen Berufsvorbereitende Einrichtungen (BVE) in Kombination mit Kooperative berufliche Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt (KoBV) als Maßnahmen in Baden-Württemberg?

Methode:
In der vorliegenden Studie wurden die Maßnahmen BVE und KoBV evaluiert, indem ergänzend zu quantitativen Angaben zu den entsprechenden Übergängen auch Akteure in beiden Maßnahmen als Expert*innen zu Chancen und Herausforderungen befragt wurden.

Ergebnisse: Bei den Studienteilnehmer*innen handelte es sich um Maßnahmen-Teilnehmer*innen mit intellektuellen Behinderungen, eine Mitarbeiter*in im Integrationsfachdienst, eine KoBV-Mitarbeiter*in, eine BVE-Leitung sowie die Leitung des überörtlichen Träger der Sozialhilfe als Koordination der Maßnahmen. Im Beitrag werden die praktischen Erfahrungen der Umsetzung der beiden Maßnahmen aus der Perspektive der Akteure vorgestellt. Dabei wird auf die Erfahrungen mit Praktika sowie mit dem fachpraktischen und allgemeinbildenden Unterricht als Elemente beider Maßnahmen eingegangen. Auch werden Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken aus Sicht der Akteure dargestellt. Diese Ergebnisse der Studie werden in das Gesamtbild der Transitionsoptionen von jungen Menschen mit intellektuellen Behinderungen ins Arbeitsleben in Baden-Württemberg eingeordnet.

Diskussion: Implikationen für die Praxis und die Teilhabeforschung werden diskutiert.

Zur Datenlage zu Menschen mit Behinderungen am Übergang Schule – Beruf: Relevante Datensätze und ihr Potenzial für die Forschung | Sabrina Inez Weller

Die Datenlage zu jungen Menschen mit Behinderungen im Übergang von der Schule in den Beruf weist nach wie vor erhebliche Lücken auf. Der Beitrag stellt verschiedene relevante Datenquellen zu dieser Thematik vor und hebt die BA-BIBB-IAB-Bewerberbefragung 2024 als potenziell wertvolle Grundlage für die Forschung zu Übergängen von jungen Menschen mit Behinderungen hervor. Trotz bestehender Herausforderungen bei der Identifikation von Förderschüler:innen (Blanck, 2020) zeigt sich, dass die Bewerberbefragung wichtige Erkenntnisse liefern könnte. Allerdings sind die verfügbaren Daten zur Berufsorientierung und den Übergangsprozessen von Förderschüler:innen begrenzt, da diese Gruppe in den Stichproben oft nicht ausreichend repräsentiert ist (Niehaus et al., 2012; Reims & Weller, 2025). Der Beitrag beleuchtet diese Defizite und schlägt Maßnahmen vor, wie diese Zielgruppe in zukünftigen sozialwissenschaftlichen Erhebungen besser erfasst werden kann. Eine verbesserte Datenerhebung würde eine genauere Analyse der Berufsorientierung und der Wirkung von Fördermaßnahmen auf den Übergang von der Schule in den Beruf für Menschen mit Behinderungen ermöglichen. Zukünftige Studien sollten zudem die Verknüpfung von Bewerberdaten mit Prozessdaten der BA intensivieren, um tiefere Einblicke in die Übergangsprozesse dieser Personengruppe zu erhalten (Reims & Weller, 2025).

Literatur:
Blanck, Jonna M.: Übergänge nach der Schule als 'zweite Chance'? Eine quantitative und qualitative Analyse der Ausbildungschancen von Schülerinnen und Schülern aus Förderschulen »Lernen«. Bildungssoziologische Beiträge. Weinheim: Beltz Juventa, 2020.

Niehaus, Mathilde; Kaul, Thomas; Friedrich-Gärtner, Lene; Klinkhammer, Dennis; Menzel, Frank: Zugangswege junger Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Beruf. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Band 14 der Reihe Berufsbildungsforschung. Bonn/Berlin 2012.

Reims, N. & Weller, S. (2025): Übergänge von jungen Menschen mit Behinderungen an der ersten Schwelle. Potentiale und Herausforderungen der BA-BIBB-IAB Bewerberbefragung 2024. In: Gemeinsam leben No. 4, p. 198-205.

A5: Themenforum Eltern & Kinder: Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe

Herausforderungen der Umsetzung von Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe

Die Umsetzung der UN-BRK bedeutet auch notwendige Veränderungen für die Kinder- und Jugendhilfe. Während im Zuge der aktuellen Reformprozesse des SGB VIII Begriffe wie Selbstbestimmung und Teilhabe gestärkt worden sind und auch ein expliziter Bezug auf junge Menschen mit Behinderungen normiert worden ist (Beckmann/Lohse 2021), steht die geplante Gesamtzuständigkeit (sog. „Inklusive Lösung“) der Kinder- und Jugendhilfe für alle jungen Menschen bislang noch aus. Darunter wird üblicherweise die Überführung der Eingliederungshilfen aus dem SGB IX ins SGB VIII verstanden, wenngleich Inklusion sich nicht allein in einer Verwaltungsstrukturreform erschöpft (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2024, S. 300ff.), sondern auch darüber hinausreichende konzeptionelle wie theoretische Erweiterungen erforderlich macht (Hopmann 2021).
Zudem weist die Forschungslage auf gravierende Lücken und Defizite in der praktischen Umsetzung auf kommunaler Ebene hin. Dies betrifft strukturelle Ausschlüsse von Hilfen und vielfältige Barrieren der Inanspruchnahme ebenso wie Diskriminierungserfahrungen im Kontext von Interaktionen und Beziehungen mit Fachkräften und Peers (Pluto 2018, Albus/Ritter 2026 i.E.).
Im Panel werden Herausforderungen der Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe anhand von drei Schwerpunktsetzungen aufgegriffen und diskutiert: In einem ersten Beitrag geht Benedikt Hopmann auf Hilfeplanung und deren inklusive Weiterentwicklung ein, in einem zweiten Beitrag macht Bettina Ritter die Rolle von Eltern mit Behinderung in der Kinder- und Jugendhilfe zum Gegenstand und Wolfgang Schröer widmet sich in einem dritten Beitrag dem Thema der Selbstvertretung und Beteiligung in der Jugendhilfeplanung und Jugendhilfeausschüssen. Die Beiträge machen jeweils Teilhabebarrieren aus und diskutieren Teilhabepotenziale einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe mit Fokus auf ihre lokale Realisierung.

1. Inklusive Hilfeplanung | Benedikt Hopmann

Im Beitrag wird eingangs ein knapper Überblick über die zentralen und aktuellen Entwicklungen in Richtung Inklusion innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe gegeben. Vor diesem Hintergrund wird auf die Relevanz von Hilfeplanung innerhalb des SGB VIII, aber auch mit Blick auf die Reformbestrebungen verwiesen (Merchel 2019). Dies begründet sich darin, dass für allem die erzieherischen Hilfen und die Eingliederungshilfen im Zentrum der Reformbemühungen stehen und somit der Weiterentwicklung von Hilfeplanung eine Scharnierfunktion zukommt (Hopmann et al. 2020; Kieslinger/Hollweg 2021).
Davon ausgehend wird thematisiert, welche Bedeutung Inklusion derzeit innerhalb der Hilfeplanung zukommt. Einerseits wird auf die jeweiligen Logiken des SGB VIII und des SGB IX eingegangen, die im Kontext der Reformierung zum Tragen kommen. Zum anderen werden bestehende Herausforderungen für (Weiter-)Entwicklung von Hilfeplanung in Richtung Inklusion diskutiert.

2. Kinder- und Jugendhilfe zwischen Ermöglichung und Behinderung von Elternschaft | Bettina Ritter

Eltern mit Behinderung machen im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe vielfältige Erfahrungen zwischen Unterstützung, Ausschluss und Diskriminierung. Im Beitrag wird der Stand der Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe mit Blick auf Eltern thematisiert. Zudem werden ausgewählte Ergebnisse einer eigenen Interviewstudie mit Fachkräften dargestellt, die mit Müttern mit sogenannter geistiger Behinderung arbeiten. Dabei wird verdeutlicht, dass Barrieren der Teilhabe nicht nur als Vorurteile gegenüber Eltern vorliegen, sondern auch in verschiedenen innerorganisationalen Bedingungen sowie Strukturen des Hilfesystems zu verorten sind. So kommen den besonders in den erzieherischen Hilfen praktisch verankerten Ideen der Entwicklung und der (Erziehung zur) Elternkompetenz eine wichtige Rolle zu. Auch die Ausgestaltung der kommunalen Hilfelandschaften wird in mehreren Hinsichten relevant: zum einen mit Blick auf die regional sehr unterschiedlich vorhandenen Hilfe- und Organisationsformen, zum anderen mit Blick auf Schnittstellen der Kinder- und Jugendhilfe mit anderen Hilfesystemen.

3. Selbstvertretung und -organisationen in der Jugendhilfeplanung und in Jugendhilfeausschüssen | Wolfgang Schröer

Mit dem § 4a wurden in der Kinder- und Jugendhilfe durch das Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetz (2021) auch die kommunale Jugendhilfepolitik sowie -planung gegenüber Selbstvertretungen und -organisationen geöffnet. Dies ist letztlich nur ein erster Schritt, damit junge Menschen und Eltern nicht nur in den individuellen Hilfeplanungsprozessen sowie allgemein in der Jugendhilfeplanung hinsichtlich ihrer Bedürfnisse angehört und beteiligt werden, sondern als Selbstvertretungen und -organisationen an den kommunalpolitischen Aushandlungsprozessen der Bedarfe sowie der Verwirklichung des Kinder- und Jugendhilferechts vor Ort sich einbringen und mitwirken können. Dies ist auch in Bezug auf die wohlfahrtsstaatliche und (neo)korporatistische Struktur der Kinder- und Jugendhilfe von Bedeutung, da damit systematisch jenseits des überlieferten Subsidiaritätsprinzip Selbstvertretungen und -organisationen als zivilgesellschaftliche Akteure als eigene Säule der Wohlfahrtspolitik anerkannt werden (sollten).

Mit dem § 4a wurden in der Kinder- und Jugendhilfe durch das Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetz (2021) auch die kommunale Jugendhilfepolitik sowie -planung gegenüber Selbstvertretungen und -organisationen geöffnet. Dies ist letztlich nur ein erster Schritt, damit junge Menschen und Eltern nicht nur in den individuellen Hilfeplanungsprozessen sowie allgemein in der Jugendhilfeplanung hinsichtlich ihrer Bedürfnisse angehört und beteiligt werden, sondern als Selbstvertretungen und -organisationen an den kommunalpolitischen Aushandlungsprozessen der Bedarfe sowie der Verwirklichung des Kinder- und Jugendhilferechts vor Ort sich einbringen und mitwirken können. Dies ist auch in Bezug auf die wohlfahrtsstaatliche und (neo)korporatistische Struktur der Kinder- und Jugendhilfe von Bedeutung, da damit systematisch jenseits des überlieferten Subsidiaritätsprinzip Selbstvertretungen und -organisationen als zivilgesellschaftliche Akteure als eigene Säule der Wohlfahrtspolitik anerkannt werden (sollten).

Literatur
Albus, S. und Ritter, B. (2026, im Erscheinen): Inklusion als Frage der Teilhabe von Familien in der und durch die Sozialpädagogische Familienhilfe. In: Klein, A., Langer, S., Ritter, B. und Schulze, K. (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Schnittstellen sozial- und sonderpädagogischer Professionalität. Kohlhammer.

Beckmann, Janna/Lohse, Katharina (2021): SGB VIII-Reform: Überblick über das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Hopmann, Benedikt (2021): SGB VIII-Reform und Inklusion. Wie inklusiv ist das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz? In: Sozial Extra 45, H. 6, S. 414–418.

Hopmann, Benedikt/Rohrmann, Albrecht/Schröer, Wolfgang/Urban-Stahl, Ulrike (2020): SGB VIII-Reform: Quo vadis Hilfe- und Teilhabeplanung mit jungen Menschen und ihren Eltern? In: Das Jugendamt – Zeitschrift für Jugendhilfe und Familienrecht 93, H. 7/8, S. 338–346.

Kieslinger, Daniel/Hollweg, Carolyn (2021): Hilfeplanung inklusiv gedacht. Ansätze, Perspektiven, Konzepte. Freiburg i.Br.: Lambertus Verlag.

Merchel, Joachim (2019): Hilfeplanung. In: Merchel, Joachim (Hrsg.): Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 190–202.

Pluto, Liane (2018): Partizipation und Beteiligungsrechte. In: Böllert, Karin (Hrsg.): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Wiesbaden: Springer VS, S. 945–965.

Literatur
Albus, S. und Ritter, B. (2026, im Erscheinen): Inklusion als Frage der Teilhabe von Familien in der und durch die Sozialpädagogische Familienhilfe. In: Klein, A., Langer, S., Ritter, B. und Schulze, K. (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Schnittstellen sozial- und sonderpädagogischer Professionalität. Kohlhammer.

Beckmann, Janna/Lohse, Katharina (2021): SGB VIII-Reform: Überblick über das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Hopmann, Benedikt (2021): SGB VIII-Reform und Inklusion. Wie inklusiv ist das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz? In: Sozial Extra 45, H. 6, S. 414–418.

Hopmann, Benedikt/Rohrmann, Albrecht/Schröer, Wolfgang/Urban-Stahl, Ulrike (2020): SGB VIII-Reform: Quo vadis Hilfe- und Teilhabeplanung mit jungen Menschen und ihren Eltern? In: Das Jugendamt – Zeitschrift für Jugendhilfe und Familienrecht 93, H. 7/8, S. 338–346.

Kieslinger, Daniel/Hollweg, Carolyn (2021): Hilfeplanung inklusiv gedacht. Ansätze, Perspektiven, Konzepte. Freiburg i.Br.: Lambertus Verlag.

Merchel, Joachim (2019): Hilfeplanung. In: Merchel, Joachim (Hrsg.): Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 190–202.

Pluto, Liane (2018): Partizipation und Beteiligungsrechte. In: Böllert, Karin (Hrsg.): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Wiesbaden: Springer VS, S. 945–965.

A6: Themenforum Gesundheit: Gesundheitsversorgung und Barrieren

Menschenrechtsbasierte Kompetenzstandards für Gesundheitspersonal für eine barrierefreie, inklusive Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderungen | Lea Gölz, Kaloyan Kemenov, Birgit Prodinger

Fragestellung
Menschen mit Behinderungen haben das Recht auf eine Gesundheitsversorgung „von derselben Qualität“ [1 p22] wie alle anderen Menschen [1]. Jedoch erfahren sie nachweislich gesundheitliche Ungleichheiten aufgrund von baulichen, kommunikativen, strukturellen und einstellungsbedingten Barrieren im Gesundheitssystem. Die fehlende Sensibilisierung von Gesundheitspersonal für die spezifischen Bedarfe von Menschen mit Behinderungen verstärkt diese Ungleichheiten zusätzlich. Daher stellt sich die Frage, welche Kompetenzen sind erforderlich, um Gesundheitspersonal systematisch hinsichtlich einer inklusiven und barrierefreien Gesundheitsversorgung auszubilden.

Methode
Um global anwendbare Kompetenzstandards zu entwickeln, wird eine mehrstufige Mixed-Methods-Studie durchgeführt. Die Vorbereitungsphase besteht aus drei Teilen: Scoping Review, Interviews mit internationalen Expert*innen und online-Arbeitsgruppen zu relevanten Themen mit einer Technical Working Group (TWG). Die Teilnehmenden der TWG repräsentierten verschiedene Weltregionen und Organisationen von und für Menschen mit Behinderungen, die größere Zivilgesellschaft, Forschende und Gesundheitspersonal mit thematischer Expertise.

Aufbauend auf diese Erkenntnisse werden Kompetenzstandards entworfen und unter Einbeziehung des Feedbacks von Menschen mit Behinderungen, der TWG und einem Konsensverfahren finalisiert.

Folglich erfolgt in Zusammenarbeit mit der TWG und mittels Gruppendiskussionen mit Interessensvertreter*innen und Berufsverbänden die Erarbeitung eines Curriculum-Leitfadens, der Empfehlungen zur Implementierung der Kompetenzstandards in Curricula beinhaltet.

Ergebnisse
Die Vorbereitungsphase ist abgeschlossen und es werden derzeit neun Kompetenzstandards konsentiert. Zusammen mit dem Curriculum-Leitfaden sollen diese bis zum Kongress veröffentlicht werden.

Diskussion
Die Kompetenzstandards stärken national und international die gesundheitliche Chancengerechtigkeit von Menschen mit Behinderungen und adressieren zugleich die Kritik des UN‑Fachausschusses zur unzureichenden Umsetzung von Artikel 25 im dritten Staatenbericht Deutschlands.

Literatur
1. Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention. Stand: November 2018

Einflüsse von Partizipation bei Behandlungsentscheidungen auf das Gesundheitserleben und -verhalten – am Beispiel der Demenzprävention | Ronja Müller-Späth, Julia Haberstroh

Partizipative Entscheidungsprozesse sind ein zentraler Bestandteil einer patient:innenzentrierten Gesundheitsversorgung und inzwischen sowohl rechtlich als auch medizinethisch verankert. Das Patientenrechtegesetz sichert seit 2013 die informierte Entscheidung, das Genfer Ärztegelöbnis betont seit 2017 die Wahrung der Autonomie von Patient:innen. In diesem Kontext hat sich Shared Decision-Making als Schlüsselkonzept etabliert und gewinnt sowohl in der Forschung als auch in der Praxis zunehmend an Bedeutung. Es besteht jedoch weiterhin Forschungsbedarf bezüglich der konkreten Formen und des Ausmaßes der Partizipation, die sich in der gesundheitsbezogenen Beratung als besonders förderlich erweisen.

Ziel der Studie ist es, Erkenntnisse über den Einfluss verschiedener Stufen der Partizipation bei Behandlungsentscheidungen auf das gesundheitliche Erleben und Verhalten zu gewinnen. Die vorliegende Studie vergleicht unterschiedliche Ebenen der Partizipation bei einer Präsenzberatung im Einzelsetting zu Demenzprävention. Teilnehmende werden zufällig einer von drei Partizipationsstufen zugewiesen (Informierung, Mitbestimmung zulassen, Entscheidungsmacht übertragen). In den Beratungsgesprächen werden individuelle Gesundheitsprofile erstellt und sich unterschiedlich stark partizipativ für drei neue Gesundheitsmaßnahmen entschieden.

Erhoben werden unter anderem subjektives Gesundheits- und Stresserleben, Behandlungsadhärenz, Demenzangst, Kohärenzsinn, Persönlichkeitsprofil, Autonomiepräferenzen in medizinischen Entscheidungen sowie die wahrgenommene Partizipation im Beratungsgespräch.

Erste Ergebnisse zu den Effekten unterschiedlicher Partizipationsebenen sowie der subjektiv wahrgenommenen Partizipation auf zentrale gesundheitsbezogene Variablen werden vorgestellt und diskutiert (Studienende Juli 2026). Aus den Ergebnissen sollen praxisnahe Empfehlungen abgeleitet werden, die neue Wege für eine wirksame, partizipative und patient:innenzentrierte Gesundheitsberatung eröffnen.

Priority Setting Partnership zur Versorgung von erwachsenen Menschen mit einer angeborenen oder in der frühen Kindheit erworbenen kognitiven Beeinträchtigung im Krankenhaus (PRISMA) | Tanja Fritsch, Antonia Scheffel, Birgit Prodinger

Fragestellung
Menschen mit Behinderung haben das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit [1]. Nachweislich sind erwachsene Menschen mit einer angeborenen oder in der frühen Kindheit erworbenen kognitiven Beeinträchtigung (MmkB) bei dem Zugang und der Nutzung von Gesundheitsversorgung mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Als Folge sind MmkB häufiger zeitlich verzögerter oder falscher Diagnosen und möglichen Fehlbehandlungen ausgesetzt. Insbesondere Studien, in welchen Betroffene selbst befragt und in den Forschungsprozess einbezogen werden, sind selten.

Ziel des Projekts ist es, relevante Forschungsfragen zur Krankenhausversorgung von erwachsenen MmkB aus deren Sicht sowie der ihrer Angehörigen, des medizinischen Personals und des Personals aus den Lebenswelten von MmkB zu identifizieren und zu priorisieren.

Methode
Das methodische Vorgehen orientiert sich an dem Verfahren der Priority Setting Partnership der James Lind Alliance [2]. Im ersten Schritt werden relevante Themen mittels eines Online-Fragebogens erhoben. Aus den Themen werden Forschungsfragen entwickelt, die mittels eines zweiten Fragebogens gewichtet werden. Zuletzt werden in einem Workshop, unter Beteiligung aller vier Zielgruppen die zehn wichtigsten Fragen mittels nominaler Gruppentechnik priorisiert.

Der Forschungsprozess wird fortlaufend partizipativ (weiter-)entwickelt. Das Projektteam wird von einer Steuerungsgruppe - bestehend aus bayernweiten Vertreter*innen unterschiedlicher Institutionen mit Bezug zur Gesundheitsversorgung von MmkB und einem Beratungsgremium – bestehend aus MmkB – unterstützt.

Ergebnisse
Im September 2026 wird die Datenerhebungen abgeschlossen sein, sodass neben dem Studiendesign auch die Ergebnisse der Studie und Erkenntnisse aus dem partizipativen Prozess präsentiert werden können.

Diskussion
Die Ergebnisse dienen als Grundlage für zukünftige Forschungsprojekte zur medizinischen Versorgung von MmkB.

Literatur:
Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. 2018: Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung.

Cowan, K. and S. Oliver, The James Lind Alliance Guidebook. 10. ed. 2021.

    A7: Forschungswerkstatt Forschung & Diskurs: Ethische Reflexionen zu teilhabeorientierter Forschung mit Menschen mit komplexen Behinderungen

    Ethische Reflexionen zu teilhabeorientierter Forschung mit Menschen mit komplexen Behinderungen | Caren Keely, Vera Munde

    Die Lebenswirklichkeit von Menschen mit komplexen Behinderungen ist geprägt von einer hohen Komplexität, einer großen Abhängigkeit von Anderen und vielfachen Exklusionserfahrungen in (fast) allen Lebensbereichen (Seifert, 2017; Fornefeld 2008). Während im Rahmen der Teilhabeforschung die Anliegen von Menschen mit komplexen Behinderungen zunehmend in den Fokus rücken, sind gemeinsame Forschungsprozesse mit Menschen aus diesem Personenkreis noch eine Ausnahme (Keeley et al., 2019).

    Als Grundlage für die Gestaltung von gemeinsamen Forschungsprozessen mit Menschen mit komplexen Behinderungen kann die partizipative Forschung dienen. Da Menschen dieses Personenkreises allerdings (noch) nicht vollumfänglich in alle Prozessschritte eines Forschungsvorhabens einbezogen werden und einzelne Aspekte partizipativer Forschung nicht umfassend umgesetzt werden können (Keeley, 2022), wird im Folgenden von teilhabeorientierter Forschung gesprochen.

    Teilhabeorientierte Forschung bedarf einer personenorientierten Gestaltung der Partizipationsmöglichkeiten. Von wesentlicher Bedeutung ist eine permanente Reflexion aller Beteiligten zu möglichen (Partizipations-)Interessen und bestehenden bzw. entstehenden Machtverhältnissen. Zur konkreten Gestaltung der Beteiligung sind sensibel ausgestaltete Interaktionen und individuelle Aushandlungsprozesse nötig, u.a. um der Bedarfs- und Bedürfnislage der Personen und aller Mitforschenden zu entsprechen.

    Als Teil des Aktionsbündnisses widmet sich die AG „komplexe Behinderungen“ explizit einem Personenkreis, mit dem Ziel durch die (Weiter-)Entwicklung teilhabeorientierter Forschungsansätze einen Beitrag zum Diskurs partizipativer Forschung zu leisten. Dabei verstehen sich die Ansätze einer teilhabeorientierten Forschung mit Menschen mit komplexen Behinderungen als Teil und als ein mögliches methodisches Vorgehen im Rahmen der partizipativen Teilhabeforschung (u.a. Unger, 2014).

    Im Rahmen der AG wurde eine Handreichung entwickelt, die teilhabeorientierte Forschung mit Menschen mit komplexen Behinderungen sichtbar, zugänglich und umsetzbar macht. Gedacht ist die Handreichung als ein Instrument, das neben theoretischen und ethischen Reflexionsimpulsen auch Hilfestellung bei der Planung und Realisierung teilhabeorientierter Forschungsvorhaben geben kann.

    Die Forschungswerkstatt startet mit einer kurzen Präsentation der Inhalte der Handreichung als Ergebnis der AG-Arbeit. Danach teilen sich die Teilnehmenden in drei Gruppen auf, in denen verschiedene ethische Fragestellung im Fokus stehen: 1) Einwilligung in Beteiligung, 2) Kommunikation im und über das Projekt, 3) Reflexion von Machtverhältnissen. Dort folgt einer vertiefenden Einführung zum jeweiligen Thema ein ausführlicher Austausch zur Handreichung in ihrer aktuellen Form, den aufgeworfenen Fragen sowie eigenen Forschungserfahrungen. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengetragen und dokumentiert, so dass sie in eine erste Veröffentlichung der Handreichung nach dem Kongress einfließen können.

    A8: Themenforum Digitales: Co-Design und partizipative Technologieentwicklung

    Technologie-Entwicklung: so inklusiv wie möglich durch Co-Design | Diana Cürlis

    Technologische Lösungen zur Erhöhung der Teilhabe müssen passgenau und bedarfsorientiert entwickelt
    werden – ein komplexes Unterfangen, denn Technologie-Expertinnen weisen sich selten als Domänen- Expertinnen aus und umgekehrt.
    Wie können Digitalisierungs-Prozesse also partizipativ ausgerichtet werden, so dass Menschen mit
    Lernschwierigkeiten (MmL) befähigt werden, aktiv an der Entwicklung (komplexer) technologischer
    Lösungen mitzuwirken?

    Der vorgeschlagene Beitrag beleuchtet zunächst die partizipativ-gestalterischen Co-Design-Prozesse
    (Sanders & Stappers, 2008) mit MmL, die kontinuierlich seit 2022 im Forschungsprojekt »Arbeiten – wie
    ich es will!« durchgeführt wurden und werden.
    Ziel des Projektes ist die Entwicklung eines KI-gestützten Tools, welches MmL bei der selbstbestimmten
    beruflichen Orientierung unterstützt. Das inter- und transdisziplinäre Konsortialteam des Projektes
    besteht aus einer WfbM, Sozialwissenschaftlerinnen, KI-Expertinnen und Social Designerinnen.
    Letztere sind im Projekt – im Schulterschluss mit der WfbM – dafür verantwortlich, die MmL als Co-
    Designerinnen in den digitalen Entwicklungsprozess zu integrieren und reale Partizipation (mind. Stufe 6 der Partizipationsleiter nach Wright et al. 2010) zu realisieren.

    Diskutiert wird die Wirkmacht von (Co-) Designkompetenz auf unterschiedlichen Ebenen: Als maximal personenzentrierte Erhebungsmethode, die lebensweltliche Erfahrungen sichtbar macht; als Kommunikationsmethode auch über sprachliche Grenzen hinweg und als Transformationskraft, welche Konzepte passgenau auf Bedarfe der Co-Designerinnen zuschneidet.
    Social Designerinnen übernehmen dabei Moderation und reziproke Übersetzungsarbeit zwischen den Co-Designerinnen und den Technologie-Expert*innen und ermöglichen so eine Annäherung an eine
    inklusive Technologie-Entwicklung.

    Literatur
    Sanders, E. B.-N., & Stappers, P. J. (2008). Co-creation and the new landscapes of design. CoDesign, 4(1), 5–18. https://doi.org/10.1080/15710880701875068

    Wright, Michael T.; von Unger, Hella; Block, Martina (2010): Partizipation der Zielgruppe in
    der Gesundheitsförderung und Prävention. In: Wright, Michael T. (Hg.) Partizipative
    Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention. Bern: Hans Huber, S.
    35–52.

    Partizipation von Menschen mit Behinderung an der Entwicklung von kommunal eingebetteten Sorgetechnologien – Gelingensbedingungen zwischen methodischen und strukturellen Fragen | Iria Nowak, Friederike Wünsch

    Im Projekt „Mehrsprachiges und barrierearmes digitales Assistenz-Portal zur Unterstützung von Sorgegemeinschaften“ (MEAPP) wurde eine digitale Informations- und Vermittlungsplattform für Assistenz für Menschen mit Behinderung für den Landkreis Northeim entwickelt. Der Vortrag reflektiert rückblickend die methodischen Ansätze und Organisationsweisen, mit denen Menschen mit Behinderung in den Entwicklungsprozess partizipativ eingebunden wurden. Wir diskutieren auf dieser Basis, was unter „erfolgreicher“ Partizipation bei kommunal eingebetteter Entwicklung von Sorgetechnologien verstanden werden kann und wie ihr Gelingen mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen zusammenhängt, in welche diese eingebettet ist.

    Hierzu stellen wir zwei Partizipationsformate des Projekts dar. Zum einen wurde in regelmäßigen Präsenz-Treffen eine feste Gruppe unterschiedlicher lokaler Akteure punktuell in Entscheidungen der Projektentwicklung einbezogen. Zum anderen wurden potenzielle zukünftige Nutzende bei der Probenutzung von Teilen des entstehenden Portals in Onlinesitzungen individuell begleitet und ihre Nutzungserfahrungen dokumentiert. In beiden Formaten gelang es, gute Kommunikationsprozesse über Aspekte der Technikentwicklung zu gestalten. Zugleich ist festzustellen, dass die Ergebnisse dieser Formate kaum oder nur in stark vermittelter Weise in die Ergebnisse der Technikentwicklung eingeflossen sind.

    Wir argumentieren auf Basis dieser Erfahrungen, dass die Frage nach Inklusion von Menschen mit Behinderung in Prozesse der Technikentwicklung nicht auf die Anwendung inklusiver partizipativer Methoden reduziert werden kann – auch wenn diese wesentlich bleiben und in sich komplex sind. Sie muss darüber hinaus auch auf gesellschaftliche und organisationale Rahmenbedingungen der Entwicklung von Sorgetechnologien bezogen werden. Die Perspektive auf Teilhabemöglichkeiten und ihre Beschränkungen lenkt den Fokus auf Widersprüche zwischen ökonomischen, politischen und sozialen Zielsetzungen, in der sich jede Technikentwicklung grundsätzlich bewegt.

    PInG-Partizipativer Index für Gewaltschutz | Anne Wohlfarth, Kathrin Römisch

    Das Forschungsinstitut BODYS entwickelt gemeinsam mit den Projektpartnern Café 3B und der LAG Selbsthilfe NRW einen Index für Gewaltschutz zur Anwendung in Einrichtungen, Diensten oder Werkstätten der Eingliederungshilfe.

    Das Projekt wird vollständig partizipativ durchgeführt. Gemeinsam mit Nutzerinnen, Mitarbeiterinnen und Angehörigen (‚Partizipative Arbeitsgruppen‘) werden Praxismaterialien zur Umsetzung, Reflexion und Weiterentwicklung des Gewaltschutzes entwickelt. Auch im Rahmen des Teilhabkongresses streben wir eine partizipative Durchführung des Vortrags an. Sofern Interesse besteht, wird die Mitwirkung von Teilnehmerinnen aus den partizipativen Arbeitsgruppen vorgesehen.

    Fragestellung/Projektziel
    Der Index wird Fragen, Vorschläge und methodische Impulse zur Reflexion vorhandener Strukturen, Praktiken und Kulturen enthalten. Diese verständliche und barrierearme Praxishilfe soll dabei unterstützen Veränderungspotentiale zu identifizieren und konkrete Verbesserungsmaßnahmen zu erarbeiten, um einen stetigen und nachhaltigen Gewaltschutz zu fördern.

    Methode
    Zusätzlich zur partizipativen Vorgehensweise werden im Rahmen einer Erhebungsphase weitere, auch über den Kontext der Eingliederungshilfe hinaus relevante Personengruppen (z. B. Fahrdienste, Betreuungsrichterinnen, Mitarbeitende des Ordnungsamtes, Ombudspersonen…), befragt. In leitfadengestützten qualitativen Einzelinterviews und Fokusgruppen kann dabei auf individuelle Bedürfnisse (situativer Kontext, Sprache, Barrierefreiheit) eingegangen werden. Nach der Datenerhebung ist die Beurteilung einzelner Entwürfe der Indexbestandteile in den Arbeitsgruppen geplant.

    Ergebnisse und Diskussion
    Die Ergebnisse und Erfahrungen aus den Arbeitsgruppen zeigen, dass die partizipative Arbeitsweise bereits während des Projektverlaufs zu Empowerment, verstärkten Informationsaustausch, Netzwerkbildung und zur Identifikation innovativer Lösungen beiträgt. Auf diese Weise konnten bereits Themen, wie die Erstellung eines Videos zu Partizipation oder Impulse zur Aufarbeitung nach der Anwendung von Freiheitsentziehenden Maßnahmen als wichtige Indexinhalte identifiziert werden.

    A9: Forschungswerkstatt Digitales: Barrierearme Beteiligung in kommunalen Planungsprozessen

    „Digitale Kommune für Alle (DiKomAll): Barrierearme Beteiligung in kommunalen Planungsprozessen“ | Stefan Fleck, Christin Kupitz, Heike Köckler, Christian Walter-Klose

    Menschen mit Lernschwierigkeiten sind in besonderem Maße von sozialer Ungleichheit betroffen. In kommunalen Planungsprozessen bleiben ihre Perspektiven, Bedarfe und Rechte häufig unberücksichtigt. Das vom BMFTR geförderte Verbundprojekt „DiKomAll – Digitale Kommune für Alle“ setzt hier an: Ziel ist die barrierearme Aufbereitung kommunaler Informationen und Geodaten, um die Teilhabe an kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen sowie die Orientierung im städtischen Raum zu verbessern. Handlungsfelder im Projekt sind die kommunale Lärmaktionsplanung, die Entwicklung von kommunalen Gesundheitsplänen sowie Beteiligungsprozesse im Allgemeinen.
    Gemeinsam wird an barrierearmen, digitalen Beteiligungsformaten geforscht.

    Das Forschungsprojekt ist transdisziplinär ausgerichtet; Wissenschaft, Praxis und Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten partizipativ.  Menschen mit Lernschwierigkeiten sind zentrale Akteur:innen in diesem inklusiven Forschungsprojekt und liefern als Expert:innen für Barrieren einen relevanten Beitrag für die Entwicklung barrieresensibler Anwendungen. Im Projekt sollen im Wesentlichen die folgenden Fragen behandelt werden:

    1. Wie können Methoden und Systeme orientiert an den Fähigkeiten und Bedarfen von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung sowie physischen Einschränkungen barrieresensibel gestaltet sein, um Partizipationsprozesse in kommunaler Planung für diverse bislang unterrepräsentierte Communities mit digitalen Methoden zugänglicher zu machen?
    2. Wie können zielgruppenrelevante Daten, Zusammenhänge komplexer Sachverhalte sowie Prozesse kommunaler Planung identifiziert, diversitätssensibel digital aufbereitet und kommuniziert werden, um von diversen Communities nachvollzogen und genutzt werden zu können?

    In dieser Forschungswerkstatt werden zentrale Erkenntnisse und entwickelte Open-Source- Anwendungen zur Beteiligung der Öffentlichkeit beispielsweise auf einem digitalen Kartentisch präsentiert und anschließend gemeinsam diskutiert. Rückmeldungen und Impulse der Teilnehmenden der Forschungswerkstatt werden erfasst und sollen in das Projekt einfließen. Eine zentrale Perspektive ist dabei die Entwicklung von elementaren Karten, die Visualisierungen von räumlichen Zusammenhängen sowie die Beteiligung an kommunalen Planungsprozessen erleichtern. Der partizipative Forschungsansatz wird gemeinsam mit den Co-Forschenden aus vielfältigen Perspektiven erläutert.

    A10: Themenforum Sozialraum: Sozialraum und Gemeinwesen

    Begegnungen im Gemeinwesen. Analyse sozialer Interaktionen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung(en) in Behavior-Settings. | Yannick Nannen, Friedrich Dieckmann

    Fragestellung: Welche Bedingungen erleichtern bzw. erschweren die Entstehung als gelingend erlebter sozialer Interaktionen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen im Gemeinwesen? Die Studie knüpft an Bigby & Wiesel (2019) an und erweitert die Vorgängerarbeiten theoretisch aus einer ökologisch-psychologischen Perspektive. Das Behavior-Setting-Konzept (BS) Roger Barkers bildet das Raster, um Begegnungen nicht nur als interaktive Ereignisse, sondern als in sozialräumliche Strukturen eingebettete Episoden zu analysieren.

    Methode: Sieben Interviews mit Erwachsenen mit unterschiedlichen Behinderungen wurden geführt, in denen 162 Episoden von Erstbegegnungen identifiziert wurden. Ein zweistufiges Verfahren wurde angewandt: 1.) Die Episoden wurden Settingtypen zugeordnet und settingtyp-spezifisch nach Qualität sowie Häufigkeit ausgewertet. 2.) Die Episoden eines Settingtyps wurden mit theoriebasierten, settingtyp-spezifischem Explikationsmaterial kontrastiert. So konnten auf Begegnungen wirkende förderliche oder hinderliche Kontextbedingungen sichtbar gemacht werden.

    Ergebnisse: Die erlebte Begegnungsqualität wird deutlich durch die Geschehenskontexte beeinflusst. Settings weisen unterschiedliche Potenziale für gelingende Begegnungen auf. In Nachbarschaften erweisen sich z.B. reziprokes Handeln, Wiederkehr und Vertrautheit als Chancen, dass Interaktionen offener und entwicklungsfähiger erlebt und gelebt werden. Demgegenüber sind Mobilitätssettings häufig durch klare Abläufe, Zeitdruck und von Anonymität geprägt. Dies verengt Interaktionen immer wieder auf funktionale, oder konfliktbehaftete Momente.

    Schlussfolgerungen: Aus den Ergebnissen können praxisnahe Impulse folgen, die in Form von settingtyp-spezifischen Steckbriefen Begegnungspotentiale vermitteln und Menschen mit Behinderungen und Unterstützungspersonen auf Chancen und Risiken von Begegnungen im Gemeinwesen vorbereiten.

    Priorisierung von Angebotslücken im Sozialraum von Menschen mit Beeinträchtigung unter Anwendung der Verfahren „MaxDiff“ und „Zipf-Transformation“ | Matthias Tobies, Stefan Sandner

    Fragestellung:
    Welche zentralen Probleme und Angebotslücken erleben Menschen mit Beeinträchtigung in ihrem sozialen Nahraum? Wie lassen sich diese valide priorisieren, um Handlungsschwerpunkte für die Sozialraumgestaltung abzuleiten? Und wie begegnet man der Tatsache, dass die abgefragten Items nicht gleichartig sind, sondern sich in ihrer Reichweite und Größe unterscheiden?

    Methode:
    Das Forschungsvorhaben basiert auf einer quantitativen Umfrage in der „Teilhabe-Community“, einem mehr als 2.000 Personen umfassenden Online-Panel von Menschen mit Beeinträchtigungen. Abgefragt wurden Skalen zu Alltagshindernissen und gesamtgesellschaftlichen Problemen, ergänzt durch offene Fragen zur Identifikation bislang nicht erfasster Barrieren.
    Zum Einsatz kommen zwei etablierte statistische Priorisierungsverfahren: MaxDiff (Maximum Difference Scaling) und Zipf-Transformation. Beide gelten als Alternativen zu klassischen Ratingskalen, da sie klarere Präferenzstrukturen sichtbar machen. Um Verzerrungen durch unterschiedlich „große“ Items zu vermeiden, wurden zusätzlich Häufigkeit und Schwere der Probleme erhoben, um einen kombinierten Index „Wichtigkeit = Häufigkeit × Schwere“ zu bilden.

    Ergebnisse und Diskussion:
    Die Studie leistet einen Beitrag zur Partizipationsforschung, indem sie die Perspektiven von Menschen mit Beeinträchtigung systematisch erfasst und priorisiert. Ziel ist es, zentrale Angebotslücken im Sozialraum sichtbar zu machen und damit evidenzbasierte Grundlagen für mehr Teilhabe und Inklusion zu schaffen. Die Kombination aus der MaxDiff-Analyse, der Zipf-Transformation und einem Häufigkeit-Schwere-Index wird als methodisch belastbare Grundlage für die Planung inklusiver Sozialräume diskutiert. Offene Abfragen sollen sicherstellen, dass auch bislang unbeachtete Problembereiche identifiziert werden.

    Netzwerkanalytische Betrachtung der Sozialräume in der Initiative „Inklusion vor Ort“ | Melanie Niestroj, Lea Thönnes, Carolina Zibell

    Hintergrund:
    Mit den Initiativen Kommune Inklusiv und Inklusion vor Ort möchte die Aktion Mensch dazu beitragen, Inklusion im Sozialraum nachhaltig umzusetzen. Die Zusammensetzung und Zusammenarbeit von Netzwerken vor Ort sowie die Einbindung weiterer Einflussfaktoren sind zentrale Stellgrößen für die Umsetzung und Wirksamkeit inklusiver Sozialräume.

    Fragestellung:
    Wie verändern sich die formal definierten professionellen Netzwerke und die tatsächlich erhobenen Netzwerkstrukturen über die Dauer der Förderung? Welche Akteur:innen und Einflussfaktoren wirken auf die Umsetzung von Inklusion im Sozialraum? Und welche strukturellen Merkmale sind entscheidend, damit Netzwerke wirksam zur Verbesserung von Teilhabe beitragen können?

    Methodisches Vorgehen:
    Die qualitative Netzwerkanalyse erfolgt in acht Netzwerken (Schleswig-Holstein und NRW) zu drei Zeitpunkten über die fünfjährige Förderperiode.

    • Erhebungen: Vor-Ort-Besuche mit visueller Netzwerkaufstellung (Materialien wie
      Spielfiguren, Garn, Symbole) und begleitenden Interviews.
    • Datenerhebung: Video- und Audioaufzeichnungen, Fotos der
      Netzwerkabbildungen, Transkripte der Gespräche.
    • Auswertung: Erstellung von Netzwerkprofilen und qualitative Analyse mittels
      MAXQDA. Vergleich der Netzwerkstrukturen über Zeitpunkte und Ableitung
      übertragbarer Handlungsempfehlungen.


    Ergebnisse und Diskussion:
    Das Themenforum gibt einen Einblick in eine interessante Methode. Die Analyse zeigt, wie sich Netzwerke entwickeln, welche Faktoren ihre Wirksamkeit beeinflussen und welche Strukturen Inklusion besonders fördern. Ziel ist es, praxisnahe Hinweise für die Ausgestaltung von Netzwerken für die Umsetzung von Inklusion im Sozialraum zu gewinnen, die sich auf andere Sozialräume übertragen lassen. Die Ergebnisse können für Förderprogramme genutzt werden, um Vorgaben zur Zusammensetzung und Koordination von Netzwerken zu präzisieren.